Junger Gendarmeriebeamter in Ausübung seines Dienstes von italienischen Schmugglern getötet !

In Abwesenheit des beurlaubten Posten-Kdt. Alois Lug kommandierte Ray.Insp. Alois Amplatz eine Patrouille bestehend aus Patrl. Rangger und Schletterer gegen Abend ins Rollertal um Vorpaß gegen Schmuggler zu halten. Die Patrouille postierte sich beim sogenannten Rastl in einer Hütte und hielt von dort aus Ausschau im umliegenden freien Gelände. Gegen 22 Uhr hörten sie Schritte.

  Die Gendarmen gingen aus der Hütte heraus und standen sich nun 4 Männern mit schwerbepackten Rucksäcken gegenüber und hielten dieselben mit fertigem Gewehr und nach Aussage des Schletterer mit geöffneter Sperrklappe an. Es stellte sich heraus, daß es 4 ital. Schmuggler waren, die von Obertilliach kamen und Tabak, sowie Feigenkaffeesurrogate, Zucker, Bohnenkaffee usw. nach Italien schmuggeln wollten. Patrl. Rangger untersuchte die 4 Schmuggler nach Waffen, während Schletterer mit gefälltem Bajonette die Arbeit des Rangger sicherte. Nach der Durchsuchung, die ohne Erfolg geblieben war, baten die Schmuggler sie freizulassen, was von der Patrouille natürlich abgelehnt wurde und sie gleichzeitig aufmerksam gemacht wurden, daß sie im Falle einer Flucht oder Widersetzlichkeiten einen Waffengebrauch zu gewärtigen hätten. Auf das hin weigerten sich die Italien nicht mehr zu gehen, sondern machten "kehrt euch" und gingen mit ihren Rucksäcken beladen ohne Anstand talauswärts und zwar einzeln im Gänsemarsch, Patrl. Rangger neben den ersten zwei Mann und Patrl. Schletterer hinten nach.

Als sie etwa eine Viertelstunde gegangen waren, kamen sie in den Wald und der Weg war dort schmal und hohl. Es war der Himmel mit dichtem Nebel bedeckt und daher sehr finster, auch begann es leicht zu regnen. In diesem Hohlweg bat nun einer der Schmuggler, man möge ihnen eine kleine Rast gewähren, weil sie sehr schwer zu tragen hätten. Der Schmuggler bekräftigte seine Bitte dadurch, daß er anfing zu weinen. Nach längerem Zögern wurde ihnen eine kurze Rast in diesem Hohlweg gewährt, wobei sich die Schmuggler mit ihren Rucksäcken am erhöhten Wegrand hinsetzten, während Rangger vor den Schmugglern und Schletterer hinter den Schmugglern am Weg, also tiefer wie die Schmuggler, stehen blieben.

Nun hat Rangger die Rast zum Anzünden einer Zigarette benützt. Als das Zündholz wieder erloschen war, wurde Rangger auf einmal von einem Schmuggler überfallen. Das Aufflimmern des Zündholzes hatten die Schmuggler dazu benützt, sich über den Standpunkt des Gendarmen zu orientieren und sich aus den Rucksäcken loszumachen. Kaum war es wieder finster, als ein oder zwei Schmuggler über Rangger herfielen, demselben einige Schläge versetzten, ihm dann das Gewehr nahmen, wobei es sich entlud und ihm dann mit dem eigenen Gewehre derart auf den Kopf hauten, daß er ohne einen Schrei zu tun, tot niedersank. Nun fielen die Schmuggler über Schletterer her, der etwa 4 bis 6 Schritte hinter den Schmugglern war und inzwischen das Gewehr fertig genommen hatte. Der Schmuggler schoß nun mit dem Gewehr des Rangger auf Schletterer. Letzterer wollte auch schießen, aber es war ein Versager, worauf er repetierte und nocheinmal schoß. Diesmal glaubte er getroffen zu haben, denn ein Italiener schrie auf und sank auf den Boden. Während nun Schletterer wieder repetierte, wurde er von hinten her von einem Italiener am Gewehrkolben und am Mantel erfaßt und wollte dem Schletterer auch das Gewehr entreißen, was dem Schmuggler aber nicht gelang. Nun hieb ein anderer Schmuggler mit einem Knüppel derart auf den Kopf des Schletterer ein, daß dieser bewußtlos zusammenbrach.

Als Schletterer zusammenbrach, ließen die Italienern sein Gewehr aus, wahrscheinlich deswegen, weil sie glaubten, Schletterer sei nun auch tot. Nun lag Schletterer eine Zeit bewußtlos da. Als er nach ca einer Stunde wieder zu sich kam, war um ihn herum alles ruhig. Er rief nach dem Patrl. Rangger, der aber keine Antwort gab und so vermutete er mit Recht, daß dieser tot sei. Schletterer schleppte sich nun bis zum Eneberbauer, wo er die Leute weckte und bat, daß sie ihn nach Hause liefern mögen. Es kam Georg Goller jun., wohnhaft zu Untergoll, herbei. Es wurde ein Pferd eingespannt und Georg Goller brachte den verwundeten Schletterer nach Obertilliach. Auf dem Weg nach Obertilliach hörte sowohl Schletterer als auch Goller noch in der Umgebung des Tatortes die Italiener schreien. Bei Tagesanbruch wurde auch die Leiche des ermordeten Rangger gefunden und nach Obertilliach überführt. Schletterer hatte einen Bruch des rechten Oberarmes erlitten und wies am Rücken 7 tiefe Messerstiche auf. Außerdem hatte er Hiebverletzungen am Kopf. Alle Verletzungen waren schwerer Natur, wenn auch nicht lebensgefährlich. Gegen Mittag traf nun Dr. Hubert Kunater aus Sillian ein, verband zuerst den schwerverletzten Patrl. Schletterer und nahm dann die Totenbeschau des ermordeten Patrl. Rangger vor. Hiebei konstatierte der Arzt lebensgefährliche bzw tödliche Schußverletzungen am Hinterkopf, welche den sofortigen Tod herbeiführte, ohne jedoch die Schußwunde näher zu untersuchen bzw. eine Leichenöffnung vorzunehmen. Auf diesen traurigen Fall hin, kamen auch die Gendarmen der Nachbarposten von Kartitsch, Rev.Inp. Jakob Wurzer und von Untertilliach, Ray.Insp. Josef Kasseroler, zur Stelle. Beide waren bei der Totenbeschau dabei. Als sich nach der Totenbeschau Dr. Kunater wieder entfernt hatte, gingen Wurzer und Kasseroler daran die Verletzungen am Kopf des Rangger neuerdings zu besichtigen, weil es ihnen nicht einleuchtet, daß dies Schußverletzungen seien. Es wurde ein Gewehr genommen und am Kopf des Rangger gemessen, wobei es sich herausstellte, daß die Verletzungen am Kopf des Rangger genau soweit entfernt waren, wie am Gewehr der Griffknopf und die Sperrklappe. Es wurde nun eine neuerliche Untersuchung und die Leichenöffnung durch Wurzer und Kasseroler beantragt und durch Dr.Prohaska aus St. Lorenzen im Lesachtal auch durchgeführt, wobei es sich nun herausstellte, daß Rangger nicht erschossen, sondern mit seinem eigenen Gewehr erschlagen wurde. Die Schädeldecke war am Hinterhaupt in 17 Stücke zertrümmert. Patrl. Rangger wurde nach 2 Tagen über Intervention seines Bruder Ray.Insp.. Johann Rangger nach Sillian überführt und am dortigen Friedhof beerdigt. Patrl. Schletterer wurde noch am 9.9. in das Krankenhaus nach Lienz überführt. Nach Angaben des Schletterer hatte er zwei Schmuggler erkannt und zwar hießen sie De Bernardin Valentine» und Valentino Felize, beide aus Compolonge. Es wurde sofort auch eine Verfolgung der Täter durchs Rollertal aufgenommen, sie konnten aber nicht mehr eingeholt werden.

 

Die erkannten Schmuggler wurden zwar vor das Kreisgericht in Belluno gestellt und Schletterer, der dort als Zeuge vorgeladen war, erkannte beim Eintreten in den Gerichtssaal sofort die beiden Täter. Sie wurden aber trotzdem in einer 3 tätigen Verhandlung, die nach unseren Begriffen lächerlich ausschaute und nur eine Komödie darstellte, freigesprochen. Über den Verlauf dieser Verhandlung beim Kreisgericht Belluno hat die ital. Zeitung „Corriera della sera" (Abendzeitung) ausführlich berichtet. Ray.Insp. Kasseroler gelang es, diese Zeitung zu bekommen und hat die ganze Verhandlung in Abschrift dem Museum beim Landesgendarmeriekommando in Innsbruck übermittelt. Nach diesem höchst aufregenden Vorfalle trat am Posten wieder Ruhe ein. Mit einemmal kamen keine Schmuggler mehr aus Italien und auch der Viehschmuggel an der Grenze ließ bedeutend nach.



An der Stelle, wo vermutlich der Überfall auf die beiden Beamten erfolgte, wurde zum Gedenken an den traurigen Vorfall ein schlichtes Holzkreuz mit einer Bronzetafel, als Erinnerung an den Tod des Rangger aufgestellt. Dieses Kreuz war dem Verfall ausgesetzt und eine Erneuerung war, um das traurige Ereignis nicht zu vergessen, unbedingt notwendig. Nachdem sich niemand für die Erhaltung der Gedenkstätte zuständig fühlte, wurde von mir in Eigenregie ein Gedenkstein mit Inschrift aufgestellt. Wann und von wem das Holzkreuz mit der Gedenktafel aufgestellt wurde, konnte nicht mehr festgestellt werden. Es scheinen darüber (auf dem Gend. Posten Obertilliach) keine Vormerkungen auf.

Der Gedenkstein soll das schreckliche Ereignis, das mit dem Tod und eines schwerverletzten Gendarmeriebeamten endete und das ERSTE und bis zum Jahre 2007 das LETZTE in Osttirol sein sollte, ALLEN in Erinnerung bleiben.

Obertilliach im September 2007 (Emil Figl) Gendarmeriebeamter i.R.