(Die Geburtsstunde von EKIS)
von HR i.R. Herbert DOBNER

In den 60 er Jahren Jahren trafen sich, wie so oft beim Tennisspielen der damalige Leiter des Büros für Organisation, Rechtsfragen und Dienstaufsicht der BPD-Wien, OPolRat Dr. Ambrosi und der Leiter der Abt. I im Inneneinministerium, MR Dr. Lauscha.

 

Dr. Ambrosi Dr. Lauscha

Beim anschließenden Bier auf dem Tennisplatz kam ihnen der Gedanke, im Bereich der BPD-Wien eine automationsunterstützte Datenverarbeitung (wie das ja damals genannt wurde) EDV einzuführen. Nach dem Segen des damaligen Innenministers und des legendären Polizeipräsident Holaubek wurde am 4. November 1964 erlaßmäßig festgelegt, in der Bundespolizeidirektion Wien eine EDV-Anlage zu errichten.

Das war die eigentliche Geburtsstunde des EKIS.

Hofrat Dr. Ambrosi wurde mit der Realisierung des Projektes beauftragt. Gemeinsam mit Dr. Lauscha fuhren die beiden in Europa und auch in den USA herum, um Erfahrungen über den Einsatz von Datenverarbeitungsanlagen im Polizeidienst zu sammeln. Danach wurde dann im Innenhof des Polizeigefangenenhauses in Wien 9, auf der Rossauerlände (der „Liesl“) ein vier Stock hoher Neubau geplant und errichtet, die Datenverarbeitungsmaschinen wurden bei der Fa. IBM angemietet (damals war das Wort „Leasing“ noch nicht modern) und aufgestellt. Als prägnanter Name der neuen, modernen Abteilung wurde: “EDV-Zentrum der Bundespolizeidirektion Wien“ festgelegt. Am 1. Oktober 1968 startet dann der damalige Innenminister Soronics mit dem berühmten Knopfdruck den ersten Rechner mit der Verarbeitung des Strafregisters für die Namensbereiche A-M. Als erste Mitarbeiter wurden Beamte mit „technischem“ Verständnis gesucht, die zum Teil aus dem Bereich der Fernmeldetechnik kamen sowie auch junge Vertragsbedienstete mit Datenverarbeitungskursen (Informatikstudium und die Fachschule Spengergasse war ja damals noch nicht erfunden) gesucht und aufgenommen. So kam auch ich im März 1969 zum EDV-Zentrum der BPD-Wien. Da aber damals ausschließlich mit Lochkarten gearbeitet werden konnte, bzw. musste, wurde eine Anzahl junger Damen aufgenommen, die vorerst im BPolKoat 15,.in der Tannengasse, an Lochern und Prüfern (solche Geräte sieht man heute nur mehr im Technischen Museum!), die Daten der Strafkarten aus dem Strafregisteramt eintippten und tausende Lochkarten pro Tag erstellten. Später übersiedelte die Locherei ebenfalls in das neue EDV-Gebäude im Innenhof der „Liesl“. Die damaligen Datenverarbeitungsmaschinen: Locher. Prüfer, Lochkartenleser, Drucker und Zentralrechner waren riesige Geräte, die Leistung eines Zentralrechners war damals ungefähr so hoch wie die eines PDA heute!!
  Die gelochten Karten wurden eingelesen und die Daten auf Magnetstreifenspeicher (Kapazität 400 MB!!) gespeichert. Als erste automationsunterstützte Datei wurde mit dem Strafregisteramt im Jahre 1969 begonnen, die „automatische Tilgung“ ein Novum damals im technischen und legislativen Bereich, wurde im Juni 1970 eingesetzt. Wollte man das Strafregister anfragen, so wurden die Daten der Anfrageformulare auf Lochkarten gelocht, diese dann eingelesen, die Auskunft gedruckt und auf DIN A5 geschnitten, händisch zusammengeheftet, an das Strafregisteramt weitergeleitet, dort überprüft und gestempelt und dann an die anfragenden Stellen postalisch weiterversendet. Dadurch musste ein Bürger auf seine Strafregisterbescheinigung manchmal bis zu 4 Wochen warten, aber man war damals stolz auf die begonnene Automation im polizeilichen Auskunftswesen.
  Besonders dringende Anfragen konnten auch von Polizeidienststellen über Fernschreiber an eine Fernschreibstelle, die im EDV-Gebäude installiert war, gestellt werden, die Fernschreibanfragen wurden dann wieder gelocht, verarbeitet, ausgedruckt, geschnitten, an die FS-Stelle weitergeleitet und dort wurde die Auskunft händisch am Fernschreiber wieder eingegeben und an die anfragende Stelle übermittelt – war nicht wirklich effizient- aber damals dafür modern und immer noch schneller, als wenn ein Beamter in den endlosen Regalen im Strafregisteramt eine Strafregisterakte suchen musste!
 

Aus Sicherheitsgründen wurden für die Mitarbeiter eigene Ausweise ausgegeben und alle, darunter auch ich, waren auf die eingeführte „Automation mittels EDV“ im Polizeibereich sehr stolz.

 

Allerdings sollte und konnte das doch nicht alles gewesen sein, oder?!?

War es auch nicht, denn obwohl manche leitenden Beamten von der neuen Technologie nicht sehr viel hielten (Spielerei, wird nicht wirklich gebraucht, keine Zukunft usw.) kam von den Polizeibeamten bald der Ruf nach mehr und auch schnelleren Informationen. So wurden neue EDV-Fernschreibterminals angemietet, die es ermöglichten, die Anfragen der Fernschreiber direkt auf Lochstreifen zu stanzen, die dann über eigene Lochstreifenleser in das System eingelesen wurden und die Auskunft wurde nicht mehr ausgedruckt, sondern ebenfalls auf Lochstreifen gestanzt und über Fernschreiber der anfragenden Stelle übermittelt. Eine starke Verbesserung, obwohl es in der Fernschreibstelle der EDV bald aussah wie bei einem Faschingsfest (alles voll Lochstreifen) und die Beamten, die Anfragen in einem ganz bestimmten Format, das ja der Computer lesen und erkennen sollte, schreiben mussten (was nicht wirklich immer allen Beamten gelang).

  Ich glaube aus dieser Zeit stammt auch der Spruch, (wenn eine Anfrage zu lange dauerte oder keine Auskunft gedruckt wurde, weil die Anfrageform nicht richtig war): „Der Computer ist schuld!“. Da man den Aufwand über die EDV-Fernschreibstelle verringern wollte, wurde unmittelbar danach die Möglichkeit geschaffen, Fernschreibanfragen direkt in den Computer zu senden, der dann unmittelbar darauf die gewünschte Auskunft übermittelte (PWCO war die Fernschreibadresse = Polizei Wien Computer) Zwischenzeitlich schritt ja die EDV-Technik und Entwicklung weiter vorwärts und es wurden in Wien, im Strafregisteramt, im Informationsdienst der BPD-Wien (der damals am Stubenring untergebracht war) Bildschirmterminals, die mittels Standleitungen - mit einer Übertragungsgeschwindigkeit von 1200 Bit pro Sekunde! - mit dem Rechenzentrum verbunden waren, aufgestellt. Das war ein technischer Meilenstein, man konnte Abfragen aus dem Computer direkt (On-line) stellen und erhielt sofort die Auskunft am Bildschirm, die man auch über Drucker auf Papier (das war und ist ja immer noch erforderlich) ausdrucken konnte. Diese Direkt-Anfragen waren damals eine Revolution im Polizeidienst.

  Zu dieser Zeit lagen die EDV-Ausstattung und die eingesetzten Applikationen der Bundespolizeidirektion Wien im europäischen Spitzenfeld. Und weil man ja für jedes Kind einen schönen Namen benötigte, wurde das neue System nach langem Hin und Her „EKIS“ (Elektronisches, Kriminalpolizeiliches Informations System) genannt und heißt ja auch heute noch so. Weil man aber auch die polizeiliche Fahndungsarbeit unterstützen wollte und mußte, wurde die KFZ-Fahndung entwickelt und im Februar 1972 eingesetzt. Damit war - und ist es auch heute noch -möglich, gestohlene KFZ, auch nach bestimmten Kriterien, z.B. Fahrzeugmarke/Type, Farbe Kennzeichenfragmente usw. zu suchen und auch zu finden. Da jedoch die Fahndung von einer raschen Datenaktualisierung lebte, wurden in den Bundesländern so genannte Datenstationen (DASTA) errichtet und mit direkt an den Computer angeschlossenen Bildschirmterminals ausgestattet , in denen speziell geschulte Kriminalbeamte Dienst versahen und das Update sowie die komplizierten fragmentarischen Anfragen (Teile des Kennzeichens oder Fahrgestellnummer) mit dem Programm ADONIS durchführten.

Die erste Dasta war im EKF in Wien

Gleichzeitig wurde die Wiener KFZ-Zulassungsdatei auf Lochkarten (!) erfasst und eingespeichert. Die Applikation Wiener Zulassung wurde im Jänner 1974 in Betrieb genommen. Das Problem dabei waren die täglichen Um- Ab- und Anmeldungen der KFZ (damals war das Verkehrsamt noch in der Rossauerkaserne etabliert), die unbedingt am gleichen Tag, oder spätestens am nächsten Tag gelocht und eingespeichert werden mussten, um den Datenbestand der Wiener KFZ aktuell zu halten. Das war der Beginn des Drei-Schichtbetriebes im EDV-Zentrum (leider auch für mich). Aber man konnte damals dann schon die Kfz-Besitzer der Wiener KFZ ebenfalls mittels Anfrageformular (das vom Beamten mittels Schreibmaschine mit den erforderlichen Anfragedaten ausgefüllt werden musste) abfragen, Die ausgedruckten Auskünfte wurden dann an die Kommissariate übermittelt, die dann die weiteren Veranlassungen (Strafverfügung, Lenkerauskunft usw.) treffen konnten. Im Jänner 1975 wurde die „Computer-Strafverfügung“ in Betrieb genommen, die vom maschinellen Einlesen der „handgeschriebenen" Organmandate, der Einfügung der Daten des Fahrzeughalters, bis zum Ausdruck der Strafverfügung alles maschinell durchführte. Auch die Einzahlungen der „Kunden“ wurden automationsunterstützt in Evidenz gehalten. Im April 1975 wurde dann auch die Personenfahndung installiert und freigegeben, so dass eine Auskunft über eine gefahndete Person, später auch über gestohlen Sachen, automationsunterstützt möglich war. Dass dieses EKIS-System keine Eintagsfliege war beweist der Umstand, dass es durch laufende technische Verbesserungen und neue Applikationen wie Sachenfahndung, Waffenwesen, Fahndungsfotos und Fingerprint uva.. auch heute noch im Polizeidienst intensiv genutzt wird und nicht wegzudenken ist.