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Der Wettlauf mit der Zeit

Zeit ist für uns zu einem Luxusartikel geworden. Denke ich an meinen Urgroßvater zurück, so produzierte dieser in der einen Woche Schubkarren und Rechen aus Holz. In der folgenden Woche ging er 100km zu Fuß, um seine Waren in der Großstadt auf dem Markt zu verkaufen. Kaum zu glauben, das ist erst gut 100 Jahre her. Heute können wir uns derartige Situationen kaum noch vorstellen. Doch der Tempowahn macht die Langsamkeit wieder begehrenswert.

Viele Menschen haben es satt, miteinander um die Wette zu leben und zu konsumieren. Denn wir gehen einer Lebensgestaltung entgegen, deren Folgen gar nicht absehbar sind. Die Großen fressen die Kleinen und die Schnellen die Langsamen. Alles dreht sich um Zeitgewinn. Immer der Konkurrenz eine Nasenlänge voraus! Und immer mehr Geld verdienen. Der Mittelstand stirbt zusehends aus. Bald gibt es nur noch Reiche und Arme.

Da fällt mir eine Geschichte ein:

Ein Indianer sitzt vor seinem Tipi und genießt die Sonnenstrahlen. Da kommt ein Finanzmakler vorbei und fragt ihn:

"Hey, was machst du so den ganzen Tag?"

"Ich sitze hier und genieße das Leben. Und wenn ich Essen brauche, dann gehe ich auf die Jagd."

"Hast du schon mal an sinnvolle Arbeit gedacht? Da könntest du Geld verdienen. Du könntest dir was leisten. Du könntest dir im Laufe der Zeit einen kleinen Wohlstand schaffen. Ja, wenn du geschickt bist, dann könntest du sogar dein Geld anlegen, es würde für dich arbeiten. Du bekommst Zinsen, kannst von den Zinsen leben und brauchst nie mehr zu arbeiten!"

Da sagt der Indianer: "Was glaubst du, was ich jetzt mache?"

Viele Menschen sorgen sich, dass die Lebenserwartung derart ansteigt, dass die Pensionen nicht mehr finanzierbar sein werden. Doch das ist sehr unwahrscheinlich. Wahrscheinlich ist hingegen, dass Krankheiten zunehmen, die wir uns zuziehen, wenn wir in die Maschinerie der Hetzerei geraten. Stress, Burnout-Syndrom - Begriffe, die es in der Mitte des letzten Jahrhunderts noch in keinem Wörterbuch gab. Heute trifft es junge Leute, oft wie aus heiterem Himmel. Die Behandlungskosten sind gigantisch, eine Wiedereingliederung ins Berufsleben oft mühsam oder gar unmöglich.

Der Fortschritt auf technologischem Gebiet vollzieht sich mit einer solchen Geschwindigkeit, wie sie bisher noch nie zu beobachten war. Die Halbwertszeit des Wissens, die einmal bei sieben Jahren lag, verkürzt sich ständig. Neue Produkte überschwemmen die Märkte und lösen die vorherige Generation ab. Das plausibelste Beispiel ist wohl der Personal Computer, den vor 25 Jahren noch kein Mensch brauchte, und wenn, dann war er ein Exot. Wer sich jetzt einen Computer kauft, hat zuhause angekommen schon ein altes Modell. Und die rasanten Entwicklungen in der Mikroelektronik greifen auf nahezu alle Branchen über. Sogar die Exekutive ist betroffen, doch davon später mehr.

Die Entwicklung der globalen Ökonomie ist wohl eine wesentliche Ursache dieser Raserei, die oft schlimme Folgen für die Gesundheit der Menschen, das Ökosystem und nicht zuletzt für die Unternehmen hat. Denn auf Spekulation wird mittlerweile mehr Wert gelegt, als auf Investitionen in reale Produktionen und Dienstleistungen, also die wirkliche Wertschöpfung.

Wo sich das Finanzkarussell immer schneller dreht, da wird oft nur noch produziert um des Produzierens willen. Dass Qualität und Kundenservice auf der strecke bleiben müssen, versteht sich von selbst. Und das System funktioniert auch bei Dienstleistungen. Gar nicht lange ist es her, dass ein japanischer Lokführer ein Eisenbahnunglück mit 100 Toten verursachte. Sein Problem: er hatte Verspätung - 90 Sekunden. Und er hätte eine peinliche Nachschulung machen müssen, um in Zukunft keine Verspätung mehr einzufahren....

Wir bei der Polizei erleben die Situation umgekehrt. Uns ist in der Regel der Täter eine Nasenlänge voraus! Jetzt heißt es doppelt aufholen. Wir sind dem Druck der Medien ausgesetzt, wie nie zuvor. Gerade bei Aufsehen erregenden Delikten verlangen sie eine Aufklärung am liebsten bevor die Tat geschehen ist. So lässt sich die Polizei von außen in eine Richtung drängen und zu Aussagen verleiten, die später betrachtet gar nicht so wünschenswert gewesen wären.

Es liegt nicht lange zurück, da ging der Gendarm noch zu Fuß durchs Dorf oder die Kleinstadt, oder er fuhr mit dem Moped. Er nahm sich Zeit für einen Plausch mit der Bevölkerung. Die Menschen (zumindest die anständigen) waren mit dieser Dienstleistung sehr zufrieden. Doch Personalreduktion, Dienststellenminimierung und parallel dazu steigende Kriminalität, verbunden mit zunehmender Administration, ließen seine Zeit schrumpfen. Polizisten und Gendarmen verschwanden immer öfter hinter dem Blech ihrer Dienstfahrzeuge. Aber es sollte noch schlimmer kommen. Die geschrumpfte Zeit musste gemessen werden, denn das wenige, was noch vorhanden war, galt es "sinnvoll" zu nutzen. Controlling heißt das Zauberwort. Wie viel Zeit ist die Arbeit der Polizei Wert?

Nun, die Gendarmerie gibt es seit dem 1. Juli 2005 nicht mehr. Und die österreichische Innenministerin wusste diese Entwicklung zu begründen. "Die Gendarmerie war nicht mehr zeitgemäß. Österreich braucht eine moderne Polizei." Interessant...

Der Mensch, in Jahrmillionen entstanden, kann nicht von heute auf morgen geändert werden. Kläglich scheiterte seinerzeit der Versuch eines Kommunistenführers eine Zehntagewoche einzuführen. Es gibt Rhythmen, die auch die moderne Zeitmessung nicht ausschalten kann. Und selbst in der streng überwachten Sowjetunion wurden jährlich 13 Milliarden (13.000.000.000) Arbeitsstunden für Einkäufe vergeudet, weil die Menschen außerhalb der Arbeit nichts mehr bekommen hätten. Diesem destruktiven System gilt es also einen Riegel vorzuschieben. Zeit muss gemessen werden, und zwar exakt. Das geht in jeder Berufssparte, auch bei der Polizei - wenn man nur will (die Verwaltung und geregelte Dienste haben es schon). Damit ist es vorbei fünf Minuten zu spät zu kommen oder zu früh zu gehen, so scheint es zumindest. Doch die Menschen sind trickreich. Gegen Zuspätkommen lässt sich das System nicht austricksen. Aber länger bleiben ist keine Kunst, man muss nur warten können. Doch wo bleibt die erhoffte Produktivität?

Produktivität ist eng verwurzelt mit der allzu oft erwähnten aber wenig beachteten Mitarbeiterzufriedenheit. Denn ein zufriedener Mitarbeiter wird gut und effizient arbeiten. Und er wird nicht um Minuten feilschen, weil er ja Freude hat an seinem Beruf. Da Mitarbeiterzufriedenheit aber nicht messbar scheint und vor allem technisch kaum erzwungen werden kann, lässt man sich Umgehungseinrichtungen einfallen, die für jene Arbeitsleistung sorgen sollen, die sich der Arbeitgeber vorstellt. Geld ist es auf jeden Fall nicht bei der Polizei. Motivation sollte es sein. Doch wie erreicht man sie? Ein Patentrezept fehlt bislang.

Der Zeitforscher Karlheinz A. Geißler, der feststellt, dass die Menschen nicht nur schneller leben, sondern auch versuchen, immer mehr gleichzeitig zu machen (Multitasking), setzt sich dafür ein die Effizienzgedanken kritisch zu hinterfragen. Nicht immer sei das Schnelle effizient, sondern auch das, "was Menschen und Natur schont, das, was entlastet und den sozialen Zusammenhang fördert." Effizient in diesem Sinne können nur die SLOBBIES sein, die Slower But Better Working People. Gerade das sollte in der Sicherheitsexekutive zählen, wo Qualität so sehr gefragt ist.

Ich habe mir Broker in der Wall Street in New York angeschaut, als sie Mittagspause hatten. Sie saßen in ihren seidenen Maßanzügen auf den Gehsteigkanten und schlangen ihr Fastfood runter. Sie sitzen in der Beschleunigungsfalle. Aber sie leisten gute Arbeit. Stimmt. Doch bis jetzt sind sie auch noch nicht alt...

Eines sollte uns schon klar sein: Der Langsame wird durch die Beschleunigungsmaschinerie nicht schneller. Der Schnelle braucht sie nicht. Aber bei beiden kann die Qualität der Arbeit leiden. Und sie macht krank. Umgelegt auf die Arbeit der Polizei heißt das, man täte gut daran, um die Beschleunigungsfalle einen großen Bogen zu machen. Aber natürlich nur, wenn man gesunde und qualitativ hochwertige Mitarbeiter will. Sicher ist die Zeit der Einzelkämpfer abgelaufen. Teamwork ist gefragt - mehr denn je. Und dazu fällt mir das Märchen vom Hasen und Igel ein, das Prof. Geißler so auslegt: "Dieses Märchen lehre uns, dass jene rasch zu Tode kommen, die hoch mobil zwischen zwei Zielen hin und her rasen. Aber es geht denen gut, die zu zweit sind und die sitzen bleiben können."

(c) 2005 Klaus HERBERT