Organisierte Kriminalität

Der Ostmafia-Experte Heinz Dorn Über eine immer mächtigere Struktur

Die Ostmafia: Lohnsklaven, Auftragsmorde und Drogen

„Selten spektakulär, jedoch permanent und nachhaltig erfolgt die Korrumpierung der Gesellschaft durch die organisierte Kriminalität und deren Exponenten", stellt Mag. Heinz Dorn, Polizeijurist und Kenner der Ostmafia, fest. Doch Länder wie Vorarlberg seien vorläufig nur „Urlaubsorte" der Oligarchen.

VON GERHARD SOHM – Vorarlberger Nachrichten

Mag. Dorn von der Bundespolizeidirektion Innsbruck folgte der Einladung der Offiziersgesellschaft Vorarlberg und der Gesellschaft für Landesverteidigung und Sicherheitspolitik. In der Bregenzer Bilgerikaserne eröffnete er durch sein Spezialwissen die seltene Gelegenheit, einen exklusiven Blick in diese Abgründe der Kriminalität und Bedrohung der Inneren Sicherheit und Stabilität werfen zu können. Und rief damit großes Erstaunen hervor. Denn die Ostmafia zieht ihre Kreise weiter, als man glauben mag.

Sadismus und Grausamkeit

„Die heute auf rund 5000 Banden geschätzte organisierte Kriminalität des Ostens hebt sich von den italienischen oder lateinamerikanischen Strukturen durch Sadismus und Grausamkeit ab", sagt Dorn. Während sich die Methoden der italienischen Mafia im Laufe der letzten Jahrzehnte merkbar verfeinert haben und „zivilisiert" geworden seien, könne im Osten mit einer raschen „Humanisierung" der Vorgangsweisen noch lange nicht gerechnet werden.

Mit der Vorführung von Erpresservideos, die von tschetschenischen Entführern aufgenommen wurden, stellte der Experte dies eindrücklich unter Beweis. Abscheuliche Live-Aufnahmen von Verstümmelungen von Menschen sorgten beim Publikum für kalte Schauer.

Die einträglichsten Betätigungsfelder der Ostmafia sind Auftragsmorde, Schlepperei, Mädchenhandel, Drogenhandel und Schutzgelderpressung.

Das Schlepperwesen ist einer der wenigen Vorboten der Ostmafia, die auch in Vorarlberg spürbar sind. Dorn: „Wir gehören zwar zu den Zielländern dieser Organisationen, doch augenfällig wollen sie bei uns vorläufig noch nicht werden. Die Oligarchen der Ostmafia, die hier Fuß fassen wollen, gehen Problemen mit den Behörden aus dem Weg. Hier wollen die .Ehrenwerten' nur ihr verbrecherisch erwirtschaftetes Vermögen genießen", so der Polizeijurist.

Korruption von Politikern

Und am Mammon fehlt es der Syndikatsspitze in der Tat nicht: Nach russischen Schätzungen dürften seit der Ostöffnung zwischen 150 und 300 Milliarden amerikanische Dollars unwiederbringlich in den Westen geflossen sein. Das Geld wird nicht nur für den Aufbau von Firmen verwendet, sondern dient auch der Korruption „von Politikern und Justiz" (Dorn). Und diesem Missstand folge unweigerlich eine Destabilisierung der sozialen Strukturen. In Europa seien vorrangig Deutschland, Italien, Zypern, die Schweiz und Österreich jene Länder, in denen Gelder veranlagt und Stützpunkte aufgebaut werden. Allein auf Schweizer Bankkonten sollen rund zehn Milliarden Dollar deponiert sein.

Bei weitem nicht so aktiv wie in der Schweiz sei bei uns die organisierte Kriminalität der Albaner. Dem Land der Eidgenossen, wo etwa 80.000 Albaner Fuß gefasst haben, hätten sie aber schon deutlich ihren Stempel aufgedrückt. Dorn: „Dort sind die Albaner vor allem stark in der Suchtginkriminalität, im Großbetrug und im Menschenschmuggel."

Mag. Heinz Dorn, ein Experte der organisierten Kriminalität.

Sklavenarbeit auch in Vorarlberg

Es gibt laut Polizeijurist Dorn keinen Zweifel, dass die Chinesenmafia auch hier in Vorarlberg so genannte „Lohnsklaven“ in ihrem Dienst hat. Solche „Lohnsklaven" sind Chinesen, die von der organisierten Kriminalität der „chinesischen Triaden" umgerechnet 100.000 Schilling bekommen. Für dieses Geld ist der illegale Transport (etwa in „leeren" Bussen mit versteckten Öffnungen zum Gepäcksraum) in den Westen gewährleistet, wo sie in den unzähligen China-Restaurants unterkommen. Dort müssen sie schuften, bis das Geld abgearbeitet ist. „Bisweilen das ganze Leben lang", sagt Mag. Dorn. Diese „Lohnsklaverei" sei mit Sicherheit auch in einigen der Vorarlberger China-Restaurants gang und gäbe.

Doch wie entkommen diese Menschen den ständigen Kontrollen, etwa durch das Arbeitsinspektorat? Dorn: „Sie werfen nach ihrer Ankunft ihre Reisepässe weg und gelten damit als Asylanten." Da sie über keine Heimreisezertifikate verfügen, ist eine Abschiebung durch die derzeit gesetzliche Lage in Österreich unmöglich, die Chinesen haben Anspruch auf soziale Unterstützung.

Dies gilt auch für Afrikaner. „Allein in Graz haben auf diese Weise 4000 Afrikaner praktisch eine neue Heimat gefunden", erklärt der Experte, und: „das ist eigentlich eine Schande. Denn Rumänen und Polen etwa, die sich zwar ebenfalls illegal aufhalten, aber hart arbeiten, können im Rahmen des Gesetzes durchaus in ihre Länder abgeschoben werden." Dieses Bild zeigt eine chinesische Familie, deren Restaurant in Österreich abgebrannt worden ist. Sie lag angeblich im Clinch mit der- Chinesenmafia.

„HANDELSGEBIETE"

Die organisierte Kriminalität „handelt" dort, wo der Profit am größten ist. Einige Beispiele:

  • Suchtgift: Der weltweite Drogenumsatz entspricht heute dem Weltumsatz von Kraftfahrzeugen. Es sind dies rund 9 Prozent des gesamten Welthandels.

  • Waffen: Der Waffenhandel ist ein außerordentlich einträglicher Zweig der organisierten Kriminalität. Man kann heute alle Waffensysteme, atomare eingeschlossen, durch sie erwerben.

  • Produktpiraterie: Wäre eine Straftat, die nicht sehr beachtet werden müsste, wenn es nur um Fälschung von Kleidung, Uhren oder Feuerzeuge ginge. Es werden aber auch Medikamente gefälscht und in Umlauf gebracht. Was tödlich sein kann.

  • Prostitution: In Westeuropa tauchen neuerdings immer mehr Kriminelle aus dem Osten auf, die einschlägig tätig sind und die ortsansässigen „Einheimischen" oftmals mit ungewöhnlich brutalen Methoden vom Markt vertreiben.

Auch wenn die russische Polizei nicht zimperlich mit den Ostmafiosi umgeht, ihre Bekämpfung wird „lediglich imitiert", so Mag. Heinz Dorn.

© Vorarlberger Medienhaus 2001

Homepagedesign by CHIP 1998, 1999, 2000 23.07.01
IPA PLUS

This site is copyright by Klaus Herbert and CHIP Design

Alle Rechte vorbehalten. Verfielfältigung nur auf Anfrage erlaubt. Alle Raubkopierer brechen das Copyright!