"WIR GEBEN IHNEN EINE NEUE CHANCE" |
von Jürgen Liminski, LW 5.3.98; © IPA Luxemburg Revue |
Zu Besuch in den Abteilungen für Heroin-Blitzentzug der Mailänder Klinik San Raffaele und der Madrider Klinik San Leon |
Die Zahl der Erstkonsumenten harter Drogen,
insbesondere Heroin, steigt vielerorts. |
| «Operation Hoffnung» steht auf dem kleinen Poster. Es klebt an jeder Tür in der
Abteilung des «Dottore». Professor Dr. Leykin ist Leiter der Entzugsabteilung für
Opiatsüchtige der Klinik San Raffaele in Mailand, die größte Klinik der Metropole.
Viele Patienten nennen ihn fast liebevoll Dottore. Am liebsten aber sind ihm die
Patienten, «die kommen, den Entzug hinter sich bringen und nach zwei Tagen wieder
verschwinden, ohne große Worte zu machen. Von ihnen weiß ich, daß sie nicht
rückfällig werden». Diese Leute wollten frei sein, «sie denken nach und sind
entschlossen» Ygal Leykin weiß, wovon er spricht. In den zwei Jahren, in denen seine Abteilung nun arbeitet, hat er mehr als 2000 Patienten neue Hoffnungen gegeben. Giulio aus Palermo will sich bei ihm bedanken. Er hat den ultraschnellen Heroin-Entzug im vergangenem Jahr vorgenommen, nach drei Jahren täglichen Konsums von drei bis vier Gramm Heroin. Giulio ist Landarbeiter. Jetzt arbeitet er wieder auf dem Feld, er hat Frau und zwei Kinder Die Freunde von früher glauben ihm einfach nicht, wenn er sagt, er sei « dean » und wolle keine Drogen mehr nehmen. Und der Dottore sagt ihm, er brauche sich nicht zu bedanken. Es sei sein Verdienst gewesen, schließlich sei er gekommen und habe ein neues Leben anfangen wollen. Und zum Besucher gewandt. «Das ist es, was wir tun. Wir geben ihnen eine neue Chance». Diese Chance ist groß und real, zum Greifen real. Die meisten sind überrascht und wissen zunächst nicht, wie sie sich verhalten sollen. Kein Suchtdruck, kein Hunger nach dem Stoff, klarer Kopf - wer da nicht in festen, geordneten Verhältnissen lebt, und das ist etwa die Hälfte der Patienten des Dottore, der braucht für das neue Leben dringend psychotherapeutische Begleitung. Der Neuanfang ist so radikal wie die Methode selbst. Die Schande dauert im Prinzip ein halbes Jahr, dann können die Patienten sich wieder alleine zurechtfinden. Eine Frage des Willens Professor Leykin behandelt nur Patienten, die dies auch wollen. «Wer nicht aufhören will, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit rückfällig», sagt er. Dies sei keine Frage der technischen Möglichkeit, man habe auch schon junge Leute behandelt, deren Eltern so lange insistiert haben, bis er dann doch einwilligte. Aber meistens habe er leider recht behalten. So auch bei dem l9jährigen Mädchen Corinna, das einzige Kind seiner Eltern. Sie nahm Heroin seit dem 1 6. Lebensjahr, mit allen Begleiterscheinungen bis hin zur Prostitution. Sie absolvierte den Entzug. Zwei Tage später riefen die Eltern an, Corinna war verschwunden. Es habe eine häßliche Szene gegeben, als sie aus der Klinik kam. Sie suchte ihren Stoff. Der Vater hatte ihn gefunden und in die Toilette geschüttet. Daraufhin war sie in die Toilette gestürzt, schluchzte, umarmte das Porzellan und lief weg. Leykin empfahl zu warten, sie werde sich melden. Das tat sie. Zwei Tage später rief sie den Dottore an, bat erneut um eine Behandlung: «Seither ist sie gesund, sie braucht die Zeit, um von ihrem Geliebten, dem Stoff, Abschied zu nehmen.» Das Suchtphänomen ist komplex, es läßt sich nicht auf eine knappe medizinische Formel oder Diagnose bringen. Es ist persönlich und braucht eine persönliche Behandlung, erklärt Leykin. Daher werden die Patienten zunächst psychologisch und medizinisch untersucht. Erst nach einem längeren Gespräch mit einem Psychotherapeuten fällt die Entscheidung für oder gegen den Fortgang der Behandlung. Ein medizinischer Checkup mit eingehenden Blutanalysen liefert die Daten für den Medikamenten-Cocktail, der bei der eigentlichen Entzugsbehandlung zugeführt wird. Die Patienten liegen während der sieben, acht Stunden, in denen die Medikamente die Entzugserscheinungen provozieren und gleichzeitig neutralisieren und so den Körper entgiften, wie im Tiefschlaf. Man sieht ihnen nicht an was vorgeht. An modernen Geräten ist abzulesen, wie es um Kreislauf, Herz und Gehirn steht. Die Strömungen sind gleichmäßig. Auch bei Giovanni. Er ist 33, acht Jahre lang hat er täglich bis zu drei Gramm Heroin genommen dazu ein paar « Schüsse » Methadon und dazwischen oft noch Kokain. Schon lange wolle er raus, sagt er, bevor die Wirkung der Narkose einsetzt. Aber alle Versuche seien fehlgeschlagen. Als er in der Zeitung von der Abteilung in San Raffaele las, habe er neue Hoffnung geschöpft und sei gekommen. Er ist Architekt, wolle wieder arbeiten wie früher. Am Abend wird er entgiftet sein, so wie jetzt schon Bettino aus Neapel, der tags zuvor die Behandlung « durchschlief ». Auch er nahm acht Jahre lang Heroin, in Spitzenzeiten bis zu fünf Gramm, dazu noch Methadon und Kokain. Wie er sich denn fühle, fragte ihn Leykin im Flur der Abteilung, jetzt habe er doch schon seit 48 Stunden keine Drogen mehr genommen. «Ich weiß es nicht», sagt Bettino, «ich kann es nicht beschreiben. So weit bin ich ja noch nie gekommen.» Geringe Rückfallquote Sie kommen aus allen Schichten und allen Regionen Italiens nach San Raffaele. Architekten, Arzte, Friseusen, Bauarbeiter, Politiker, Professoren, Journalisten, Apotheker, Lehrer, Landwirte, Stallknechte, Fensterputzer. Mehr als 80 Prozent kommen aus Italien, der Rest aus Nachbarländern, einige wenige aus Übersee. Nach den Statistiken sind etwa 40 Prozent arbeitslos, zwei Drittel unverheiratet, 41 Prozent haben Probleme mit der Justiz. Nur elf Prozent sind Frauen, das Durchschnittsalter liegt bei 28 Jahren, die Dauer des Drogenkonsums bei zwölf Jahren. Der Entzug kostet rund 200000 Franken, die in Italien von der Krankenkasse erstattet werden, die anschließende psychotherapeutische Behandlung eingeschlossen. Ohne diese Behandlung beträgt die Rückfallquote etwa 80 Prozent, mit ihr weniger als 10 Prozent. Insgesamt werden 27 von 100 Patienten rückfällig, 73 bleiben gesund. Auch Aidskranke Drogensüchtige werden behandelt. Mehr als die Hälfte, 57 Prozent, haben zunächst eine andere Methode ausprobiert, ohne Erfolg. Ähnlich sind die Zahlen in Madrid, auch dort wurden in den letzten Jahren bereits mehr als 1 500 Patienten behandelt. In Madrid kommt noch hinzu, daß dort die Methode verfeinert ist. Auch Medikamentensüchtige können geheilt werden. Das sind Zahlen, die phantastisch klingen, sagt man dazu im Bundesinnenministerium, wo man schon seit einiger Zeit auf die Methode aufmerksam geworden ist, zumal die Charité in Berlin sie demnächst einführen will, zusammen mit der AOK. Für die AOK entdeckt hat es das Mitglied im Verwaltungsrat Hans Dendl. Die hohe Erfolgsquote und die niedrigen Kosten seien, wie Dendl meint, unschlagbare Argumente. Aber Berlin ist teuer. 12000 DM (240000 Franken) kostet der Entzug hier, und die Warteschlange ist lang, sehr lang. Am preiswertesten ist die Behandlung in Madrid. Dort kostet der Entzug rund 180000 Franken, drei Nächte auch für die Begleitperson in einem guten Hotel inklusive. Wenn mehrere Patienten kommen, kann der Preis soger bis auf 140000 Franken gedrückt werden. Das Geld kann von der Krankenkasse wenigstens teilweise erstattet werden. Zur Zeit kommen Ausländer vor allem aus Skandinavien. Nach herkömmlichen Methoden schaffen nur etwa fünf Prozent den Ausstieg aus der Heromsucht, 95 Prozent werden rückfällig oder brechen die Behandlung schon im ersten Stadium ab, das besonders schmerzhaft ist. Dieses Stadium wird in Mailand oder Madrid sozusagen «überschlafen». Und, so Leykin, da die Entgiftung hundertprozentig ist, ist die Bereitschaft für die psychotherapeutische Behandlung danach ungleich viel günstiger. Der Kopf ist frei, der Suchtdruck zunächst weg, man kann sich voll auf die psychologischen Probleme oder auf die Ordnung der Lebensverhältnisse konzentrieren. In den sechs Monaten der psychotherapeutischen Behandlung nimmt der Patient noch ein Medikament, Naltrexon, zu sich, daß das Verlangen nach Heroin neutralisiert und so die Regenerierung der durch das Heroin verkümmerten Zellen des Gehirnes erlaubt, die den natürlichen Opiathaushalt regeln. Im Team des Professors sind noch zwei Anästhesisten, ein Internist und vier Krankenschwestern. Sie alle sind auf die Behandlung spezalisiert. Den hohen Sicherheits-Standard hat das Team von der weltweit bekanntesten Kapazität auf diesem Gebiet, dem Amerikaner Dr. Joachim Gravenstein von der University of Florida bestätigt bekommen. Gravenstein hat die Abteilung penibel genau unter die Lupe genommen, denn in den USA wollen gleich mehrere Kliniken eine ähnliche Abteilung einrichten. Praktiziert wird die von dem spanischen Psychotherapeuten Dr. Juan Legarda ausgearbeitete Methode - sie heißt UROD, ultra rapid opiate detoxification - ultraschneller Opiatentzug - bereits in mehr als zehn Ländern. Legarda lebt in Israel und pendelt oft nach Spanien, wo er ein viel gesuchter Interview-Partner ist. Die Zentralregierung und vor allem die für die konkrete Drogenbekämpfung zuständigen Regionalregierungen wollen mit seiner Hilfe Entzugskliniken einrichten. Das der Methode zunächst sehr kritisch gegenüberstehende spanische Gesundheitsamt hat die Abteilung in Madrid untersucht und ihr, ähnlich wie Gravenstein in Mailand, bescheinigt, daß sie sämtlichen Sicherheitsstandards genügt. Unfälle, wie sie zum Beispiel in München vorkamen, wo in der Klinik Haar unter Leitung von Dr. Tretter die Methode des Turboentzugs angewandt wird, allerdings nur bei Heroin, sind in Madrid nach menschlichem Ermessen ausgeschlossen. übrigens kann in Madrid der Entzug auch bei Medikamenten wie Rupnol, das manche Suchtkranke wie Methadon als Ersatz für Heroin nehmen, angewandt werden. Demnächst will Legarda auch eine Methode für Alkohol und Nikotin - die Forschungen sind abgeschlossen - anbieten. «Keine Wunder» Der Methode des Dr. Legarda und des Dottore Leykin widmen die italienischen Medien immer wieder hohe Aufmerksamkeit. Zeitungen veröffentlichen ganze Seiten, seit auch bekannte Größen der Drogenbekämpfung, die vor einem Besuch in Mailand mit Kritik nicht sparten, nun genauso viel Lob spenden. Leykin und Legarda denken schon weiter. Die Behandlung des Suchtphänomens soll nicht auf Heroin beschränkt bleiben. Auf dem Poster Operation Hoffnung ist in einem Kreis ein Ausschnitt aus Michelangelos Deckengemälde in der Sixtinischen Kapelle abgebildet. Es zeigt die Hand Gottes, die sich der ausgestreckten Hand Adams nähert, die Finger berühren sich fast. Aber eben nur fast. «Ich möchte nicht, daß Sie mit dem Gefühl weggehen, hier passierten Wunder. Das wäre falsch», sagte der Dottore. «Wir stellen nur modernste Ergebnisse der Forschung in den Dienst des Menschen, wir tun das, was jeder Arzt zu tun hat: Heilen, gesund machen. Wir geben unseren Patienten nur eine neue Chance. » |