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DDR-Bürger flüchten bei Paneuropa-Picknick
Árpád Belá - der Grenzwächter am Eisernen Vorhang

Oberstleutnant Árpád Belá war an jenem denkwürdigen 19. August 1989 diensthabender Offizier der ungarischen Grenzwache, als etwa 680 DDR-Bürger durch das berüchtigte „Tor von St. Margarethen“ von der Diktatur des Ostens in die Freiheit des Westens flohen.
Nur seinem Mut, einen damals durchaus gerechtfertigten Schießbefehl nicht auszuführen, ist es zu verdanken, dass eine Eskalation der Lage vermieden werden konnte. Árpád Belá setzte damals nicht nur seinen Job, er setzte sogar seine Freiheit aufs Spiel, als er die Grenzsoldaten anwies gegen bestehende Gesetze zu handeln, um den Flüchtlingen einen illegalen Grenzübertritt zu ermöglichen. Im Falle des Scheiterns von „Glasnost und Perestroika“ wäre der Offizier mit Sicherheit zur Verantwortung gezogen worden und im schlimmsten Falle in einem Gulag Sibiriens gelandet.

Bild 1: Oberstleutnant Árpád Belá – Menschen sind mir wichtiger als Gesetze
Foto: Privat arpad bela


Árpád Belá, der stets betont kein Held zu sein, lernte ich in Sopron kennen. Schon vom ersten Augenblick an empfanden wir gegenseitige Sympathien. Dem Treffen wohnte auch Oberst Stefan Biricz (er war damals Bezirksgendarmeriekommanant von Eisenstadt und an diesem 19. August für den Einsatz der Gendarmerie verantwortlich), der mir die Kontakte zu Belá herstellte, bei. Ich nützte die Gelegenheit diesen äußerst netten und sehr kooperativ wirkenden Offizier zu den Ereignissen im August des Jahres 1989 zu befragen.
Biografie – dienstliche Laufbahn    Árpád Belá, Jahrgang 1946, wurde in der westungarischen Grenzstadt Sopron geboren, ging dort die Schule und verbrachte in unmittelbarer Nähe des Eisernen Vorhanges seine Jugendzeit. Nach dem Gymnasium besuchte er die Militärhochschule - Fachrichtung Grenzwache - in Budapest. Im Anschluss an seine Ausmusterung (1969) hatte er das Glück, wieder in seine Heimat zurückkehren zu dürfen. Er wurde zum Grenzwachbezirkskommando Sopron versetzt und als junger Offizier an der Grenzkontrollstelle Sopron – Klingenbach eingesetzt.

 

 

 

 

 

 

 


Bild 2: Àrpád Belá (2. von links) als junger Offizier mit Kollegen der Grenzwache
Foto: Privatarpad bela 2. v.l.


Mit Stolz erzählte er über seinen ersten großen Fahndungserfolg: „Es war am 12. Jänner 1971, als wir einen in Jugoslawien zugelassenen Reisebus anhielten. Nachdem wir die Insassen kontrolliert hatten, begannen wir mit der Durchsuchung des Busses und wurden fündig. In einem Versteck fanden wir insgesamt 8,4 kg Schmuck im Gesamtwert von 1,9 Millionen Forint. Für die damalige Zeit ein Aufgriff, der nicht alltäglich war und uns eine Belobigung von höchster Stelle einbrachte. 1,9 Millionen Forint – eine für mich unvorstellbare Summe, zumal ich als verheirateter Familienvater (zwei Kinder) monatlich 2.000.- Forint verdiente“.
Rehabilitation gelungen    Da Árpád Belá immer um sein berufliches Fortkommen bestrebt war, wurde er bereits 1979 zum stellvertretenden Leiter des Bezirksgrenzwachabschnittes Sopron  bestellt. Die Tage und Monate nach diesem 19. August 1989 waren für den „Grenzer am Eisernen Vorhang“ besonders schwer. Er musste viel Kritik, die bis zu Anfeindungen von Kollegen, Untergebenen und Vorgesetzten führte, über sich ergehen lassen.
Erst nach einigen Jahren wurde seine Arbeit von der ungarischen Regierung anerkannt. 1992 wurde er in den Führungsstab des Grenzwachkommandos nach Budapest berufen, nahm an Schulungen der mitteleuropäischen Polizeiakademie im In- und Ausland teil und bekam danach eine leitende Position im Innenministerium. Er wurde zum Abteilungsleiter für internationale Angelegenheiten bestellt.
Aktiv auch im Ruhestand    Selbst als er 2001 in den wohlverdienten Ruhestand trat, erinnerte man sich an die ausgezeichnete Fachkompetenz des erfahrenen Offiziers. Er folgte dem Ruf seiner einstigen Vorgesetzten als Mitarbeiter in die Koordinationszentrale einer Behörde zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität. Erst durch einen schweren familiären Schicksalsschlag musste er im Jahre 2007 seine berufliche Laufbahn zur Gänze beenden. Als Pensionist pendelt er nun je „nach Lust und Laune“ zwischen seinen Wohnsitzen in Budapest und Csapod (30 km südlich von Sopron).

 

Durch ein rostiges Gittertor in die Freiheit – wie alles begann

Über die Ereignisse des Jahres 1989 erzählt Oberstleutnant Árpád Belá: „Die ungarische Regierung hatte mit schweren budgetären Problemen zu kämpfen. Es wurden drastische Einsparungen beschlossen, die vor allem Militär und Grenzwache betrafen. Durch einen noch intensiveren „Pro-Westlichen-Kurs“ versuchte man den „Gulaschkommunismus“ weiter aufzuweichen um zusätzliche Touristen, die Devisen bringen sollten, ins Land zu bekommen. Dazu mussten jedoch vor allem die noch zum Teil vorhandenen Schikanen bei den Grenzkontrollen verringert bzw. ganz abgebaut werden. Der Grenzwache, zur Zeit des „Kalten Krieges“ verlässlichster Partner der kommunistischen Regierung, wurde eine radikale Reform verpasst, die auch den Wegfall des Eisernen Vorhanges zur Folge hatte. Wie wir alle wissen, hatte damals die Welt nach Ungarn geblickt, da es das erste Land des Ostblocks war, das diese Menschen verachtende Grenze einfach wegräumte. Als man am 2. Mai 1989 bei Hegyeshalom mit dem Abbau des Stacheldrahtes begann, konnte niemand ahnen, wohin dieser Weg führen würde. Viele Ungarn hatten noch den Einmarsch sowjetischer Panzer aus dem Jahr 1956 in schrecklicher Erinnerung.
Am 14. Mai 1989 kam Károly Grosz, er war damals Generalsekretär der regierenden Sozialistischen Arbeiterpartei (MSZAP), persönlich nach Sopron um das Ende von Stacheldraht und technischen Sperren zu verkünden. „Wir müssen auch ohne diese brutalen Barrieren in der Lage sein, unsere Grenze zuverlässig zu sichern“, sagte der Politiker damals. Doch die Grenzwache war dazu weder ausgebildet, noch mit der notwendigen Technik ausgestattet. Die Soldaten hatten plötzlich ihren wichtigsten „Partner“ (Stacheldraht und Minen) verloren. Der Respekt vor Waffen und Uniform war zwar vorhanden, schwand aber zusehends. Außerdem war kaum ein „Grenzwächter“ bereit, seine Waffe für ein dem Ende entgegengehendes Regime einzusetzen.
Gesetze unterschiedlich interpretiert   Als in den folgenden Wochen und Monaten immer mehr DDR-Bürger ins Land kamen und versuchten, die Grenze nach Österreich illegal zu überschreiten, musste man zur Kenntnis nehmen, dass die Grenzwache mit der neuen Situation nicht umgehen konnte und ganz einfach überfordert war. Es gab keine eindeutigen Befehle – wir waren uns im wahrsten Sinne des Wortes selbst überlassen. Eine Dienstanweisung jagte die andere, Gesetze wurden unterschiedlich ausgelegt, jeder musste beim Einschreiten Einfühlungsvermögen und Fingerspitzengefühl beweisen.
Schlagzeilen    In den Medien gab es zum Teil lakonische Berichte: „An der westlichen Grenze lassen sich die Grenzsoldaten oft durch Gruppen von Flüchtlingen einschließen. Viele Soldaten haben Angst und wissen nicht wie sie sich verhalten sollen. Unsere Soldaten leisten trotz widrigster Begleitumstände eine hervorragende Arbeit. Sie agieren äußerst menschlich, obwohl sie den Flüchtlingsstrom kaum stoppen können, lauteten einige Schlagzeilen.
Kritik    Vorgesetzte wieder kritisierten die mangelnde Ausbildung (von wem und wann sollten „die Grenzer“ für diese jetzt neue Situation geschult worden sein??), unprofessionelles Verhalten, schmutzige Kleidung sowie Angstgefühl bei den einschreitenden Organen. „Das liberale Verhalten der Soldaten gefährde das Ansehen der Grenzwache“ hieß es von einigen Hardlinern.
Da die ungarische Regierung ihren liberalen Kurs weiter fortsetzte, wurde das Land von ausreisewilligen DDR-Bürgen regelrecht überschwemmt. Kam man in die Nähe des Plattensees, so traf man dort fast ausschließlich Menschen aus der DDR. Bis Mitte August 1989 wurden etwa 8.000 DDR-Bürger festgenommen, ca. 4.000 gelang die Flucht.
Es war ein denkwürdiger Tag    Ende Juli hatte ich erfahren, dass für den 19. August 1989 in Sopronpuszta (ein Landstrich zwischen St.Margarethen und Steinabrückl - ungarisch Sopronköhida) ein Paneuropäisches-Picknick geplant war. Es sollte ein Fest des Friedens werden, zu dem die Bevölkerung beider Staaten eingeladen wurde. Bei Gulasch, Würstel, Speck und Bier wollte man über die Zukunft Europas diskutieren und von Freiheit träumen. Um einen reibungslosen Grenzübertritt zu ermöglichen, wurde in der Zeit zwischen 15:00 Uhr und 18:00 Uhr die Öffnung eines alten verrosteten Gittertores an der Preßburger Landesstraße zwischen St.Margarethen und Sopron angeordnet. Den Ehrenschutz für dieses Fest hatte der EU-Abgeordnete Otto Habsburg gemeinsam mit Imre Poszgay, der damals Mitglied des Politbüros der USAP (Ungarische Sozialistische Arbeiterpartei) war, übernommen.

Bild 3: Paneuropa-Picknick in Sopronpuszta. Die Menschen feierten friedlich. Im
            Hintergrund ein Wachturm der ungarischen Grenzwache. Viele DDR-Bürger
            die daran teilnahmen, warteten aber auf einen günstigen Augenblick zur
            Flucht
Foto: Lobenwein


 

 

 

Nachdem sämtliche Genehmigungen für die Veranstaltung erteilt waren, wurde von uns ein Plan zur Grenzsicherung ausgearbeitet. Mit der Leitung des Einsatzes wurde ich jedoch erst am 16. August betraut. Auch mir war natürlich nicht verborgen geblieben, dass sich im Raum Sopron Hunderte DDR-Bürger aufgehalten hatten, die auf eine günstige Gelegenheit zur Flucht lauerten. Da in den Gemeinden dies- und jenseits der Grenze Flugblätter verteilt wurden, erwarteten wir viele Besucher. Dass auch einige Ostdeutsche an dem Fest teilnehmen und einen Fluchtversuch unternehmen könnten, hatten wir bedacht. Doch mit einem derartigen Ansturm haben wir einfach nicht gerechnet. Unser Einsatzkonzept war auf Gruppenbildungen mit Fluchtabsicht ausgelegt.

 

 

 

 


Bild 4: Das „Tor von St.Margarethen“ wie es einst war – geschlossen von 1946 bis
            1989
Foto: Altenburgerpaneuropa picknick


Etwas Dümmeres hätte mir nicht passieren können!!    Nun kam dieser 19. August 1989. Am frühen Morgen verabschiedete ich mich von meiner Familie und versprach meiner Frau am Abend bei gutem Essen und einem Glas Wein mit ihr sowie den Kindern unseren Hochzeitstag zu feiern.
Bereits um die Mittagszeit war ein starker Zustrom zum Festgelände zu verzeichnen. Die Menschen waren entspannt und genossen den warmen Sommertag. Kurz vor 15:00 Uhr begab ich mich mit meinen Mitarbeitern zum Grenzübergang, um mit dem Zollwachebeamten Chefinspektor Johann Göltl, den ich schon damals persönlich kannte, letzte Details zu besprechen.

 

 

 

 

 

 

 


Bild 5: Das Tor wird geöffnet - der Weg in die Freiheit beginnt
Foto: Lobenwein


Doch plötzlich bemerkte ich auf der Anhöhe eines Weges eine Menschenmenge. Von ungarischer Seite ging sie geradewegs auf das Tor zu. Etwa 200 Personen und ein Schweigen, das vollkommene Stille verbreitete. Ich dachte zuerst, dass es die angekündigte Delegation sei, doch das war ein Irrtum. Es waren Ostdeutsche. Mir blieb keine Zeit zum Nachdenken. Durch meinen Kopf gingen Tausende Gedanken, die ich nicht ordnen konnte. Ich hatte nämlich auch die Verantwortung für meine Kollegen zu tragen, denn schon bei einem einzigen Flüchtling mussten wir mit disziplinären Maßnahmen rechnen. Was soll ich nun tun? Welche Maßnahmen soll ich anordnen? Oh Himmel hilf mir!
Was bin ich für ein Pechvogel dachte ich mir und bin für Sekundenbruchteile in Selbstmitleid verfallen. Doch all das nützte nichts. Die Menschenmenge setzte ihren Weg unbeirrt fort. Wie ein Schleusentor, das den Wassermassen nicht standhalten kann, öffnete sich durch den Druck der Menschenmenge das brüchige Gittertor. Im Gedränge brach Hektik aus. Alle hatten Angst und wollten so schnell es nur ging rüber. Männer, Frauen und Kinder sahen nur ein Ziel – Freiheit ! Sie hatten zum Teil Freudentränen in den Augen, auf den Schultern Rucksäcke, die ihr gesamtes Hab und Gut beinhalteten.

 

 

 


Bild 6: „Es ist geschafft mein Junge - wir sind endlich frei“
Foto: Lobenwein


Auch in mir herrschte Panik, denn ich war wie gelähmt und handlungsunfähig. Doch äußerlich habe ich auch dann nicht die Fassung verloren, als ich von den Deutschen einfach bei Seite geschoben worden bin. Ich habe an keiner Sekunde daran gedacht, Gewalt anzuwenden bzw. dies zu befehlen. Ich ließ den Dingen einfach freien Lauf. Meine Mitarbeiter wies ich an, einfach zur Seite zu schauen bzw. wenn notwendig zur Seite zu treten. Mit jeder Minute wurde mir jedoch bewusster, dass ich durch diese Gesetzesverletzung für Jahre in einem Gefängnis landen könnte.
Wenn ich zurückdenke, so bin ich heute stolz auf meine damalige Vorgangsweise. Hätte ich seinerzeit nach den noch immer bestehenden Gesetzen gehandelt, wäre ein Schusswaffengebrauch anzudrohen (zumindest durch Warnschüsse) und nötigenfalls auch zu vollziehen gewesen. Aber was wäre dann passiert und wie würde ich heute damit leben? Daran will ich nicht denken. So konnten etwa 680 Personen in die Freiheit entkommen.
Wer soll für die Familie sorgen?    Meine Familie hatte die Ereignisse im österreichischen Fernsehen verfolgt. Chaos an der Grenze! Hunderte DDR-Bürger flohen in den Westen! Es waren Schlagzeilen die sie in Furcht und Unruhe versetzten. Und mittendrin der Mann, der Vater als Entscheidungsträger.
Als ich am Abend müden Schrittes in meine Wohnung kam, waren die ersten Worte meiner Frau: „Wer soll für die Familie sorgen, wenn du im Gefängnis sitzt?“ Eine Antwort auf diese Frage habe ich ihr nie gegeben. Zum Feiern unseres Hochzeitstages war mir übrigens auch nicht mehr zumute.

Doch wie die Geschichte gezeigt hat, haben Glasnost und Perestroika die Oberhand behalten. Oberst István Frankó war damals als Bezirkskommandant mein Vorgesetzter und musste unter anderem auch ein Untersuchungsverfahren gegen mich einleiten. Nach Einvernahme der Betroffenen hat er einen Bericht an die vorgesetzten Stellen erstattet, die weiteren Untersuchungen jedoch eingestellt. Sein Zitat aus heutiger Sicht: „Man suchte damals keine Helden, sondern nur Sündenböcke. Doch niemand war bereit, die Verantwortung für eine Anklage zu übernehmen“.

Oberstleutnant Árpád Belá hat in der Zwischenzeit für sein hohes Maß an Verantwortungsgefühl anlässlich der Ereignisse des Jahres 1989 viele Ehrungen erfahren. Unter anderem wurde er vom ungarischen Präsidenten mit dem Verdienstorden der Republik Ungarn ausgezeichnet. 20 Jahre (2009) nach der Flucht durch das „Tor von St.Margarethen“ war „Der Grenzer am Eisernen Vorhang“ weltweit begehrter Interviewpartner in Printmedien und Fernsehen, wo er ausführlich die dramatischen Stunden dieses 19. August 1989 schilderte. Obwohl er Heldenmut bewies betont er immer wieder: „Ich bin kein Held, für mich waren und sind Menschen wichtiger als Gesetze“.

Ich danke dir, lieber Árpád, für das Interview und freue mich, deine Bekanntschaft gemacht zu haben.

(c)2009 Wolfgang Bachkönig

 

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