Die Polizei in der Karikatur

von Horst Bieberstein + diversen nicht genannten teils unbekannten Autoren

Karikatur: Wem steigt nicht bei diesem Stichwort ein leichter Ärger in Erinnerung an die eine oder andere Zeichnung in unseren Tageszeitungen hoch, bei der die Polizei so gar nicht zu ihrem Vorteil ins Rampenlicht gerückt wurde? Von "Beleidigung" bis "Verzerrung der Tatsachen" reicht dann das Repertoire der Vorwürfe gegen diese zeichnerischen Kommentare polizeilichen Handelns. Doch seien wir ehrlich, übersehen wir nicht häufig, daß meist auch echte Anlässe zu kritischer Wertung vorlagen? Anlässe, die uns vielleicht nicht so gewichtig erschienen, aber bei dem der Zeichner ein Unbehagen auslöste, daß er mit den Mitteln der bildlichen Darstellung – der Karikatur – ausdrückte.

Die Karikatur verzerrt Wirklichkeit und Tatsachen und kann daher kaum große Kunst sein; so werden Gegenstände und Situationen abgezeichnet, die die Freude am Schönen kaum fördern, aber die Art ihrer Darstellung bringt uns fast immer zum Lachen, ohne daß wir dabei auch annähernd eine Empfindung verspüren, die wir vor dem erhabenen Gemälde eines großen Meisters fühlen.

Es ist schon viel darüber nachgedacht und geschrieben worden, wie es eigentlich kommt, daß über eine Karikatur oder, was genauso viel beinhaltet, über einen Witz gelacht wird. Tausend Erklärungen wurden aufgestellt, aber ganz verallgemeinert läßt sich nur eins sagen: In jedem Witz liegt etwas für den Moment Überraschendes; erweist eine Komplikation auf, die dann kurz und in erstaunlich radikaler Weise gelöst wird, dabei liegt die Lösung so unerwartet nahe, daß uns wegen dieser unerwarteten aber folgerichtigen Nähe ein Gefühlsreiz überkommt, der sich in einem befreienden Lachen, oder nur eines Lächelns, je nach Güte des Witzes, nach außen zeigt. Nach dem Grade der Unerwartetheit der Pointe richtet sich also die Qualität des Witzes. Zwischen ganz gegensätzlichen Dingen wird demnach eine Brücke gefunden, eine nicht sofort erkannte Brücke, die eben das Thema des Witzes bildet.

Genauso ist es mit der Karikatur. Jede dieser Zeichnungen gibt dem Betrachter etwas zum Raten, oder besser gesagt zum Erraten auf, aber die Lösung ist meist so leicht, daß sie dem Anschauenden schon deutlich wird, bevor er noch richtig nachgedacht hat. Die Mittel der Karikatur sind nicht immer gleich und auch nie gleich gewesen. Nur ihr Zweck ist stets derselbe geblieben: lächerlich zu machen, anzuprangern, durch Preisgabe an die Lacher unmöglich zu machen.

Aber die Karikatur vernichtet ihr Zielobjekt nie, sondern sie spielt nur mit ihm, mit einer herzerfreuenden Sicherheit und Überlegenheit, an der jeder Beschauer gerne teilnimmt und die häufig den eigentlichen Genuß an der Zeichnung bedeutet. Schon deshalb wird die Karikatur selten in die Lage kommen zu vernichten, weil sie meist auf der Seite der Wehrlosen ist, eine Abwehrmaßnahme also, manchmal auch ein kleiner Ausfall aus dem Gehäuse eigener Ohnmacht.

Zur Historie der Karikatur

Schon in den frühesten Zeiten wurden Karikaturen gezeichnet und man hat sogar auf griechischen Tonvasen solche gefunden. Als das Geburtsjahr der weltweiten Karikatur kann

man aber erst das Jahr 1848 bezeichnen. Da waren es die Befreiungskämpfe, die sozialen Bestrebungen und deren Widersacher, die gerne und oft zum Anlaß und Zielpunkt von Spottzeichnungen gemacht wurden. Vorerst waren es mehr die Texte unter den Zeichnungen, die spotteten, aber bald wurde die Zeichnung selbst zur eigentlichen Karikatur.

Und nachdem einmal diese satirischen Zeichnungen Verbreitung und Begeisterung im Volke gefunden hatten, wurden auch die Gebiete, mit denen sie sich befaßten, immer zahlreicher und ausgedehnter. Bis zum heutigen Tage ist aber die politische Carikatur die dankbarste und desalb häufigste geblieben. Ihr Einfluß auf den politischen Alltag ist nicht zu unterschätzen. Daß die Polizei, die letztlich die sichtbarste Verkörperung des politischen Willens und Wollens der Regierenden ist, dabei immer mit im Zielkreuz der Karikaturistenfeder war, ist nur zu verständlich. Unter den ersten Karikaturen des Revolutionsjahres 1848 finden sich deshalb auch bereits Zeichnungen, die sich gegen die Allmacht der Polizei und das autoritäre Verhalten der Polizeidiener wendeten. Die Geschichte der Karikatur ist auch die Geschichte der polizeilichen Karikatur.

Lassen Sie uns nun, lieber Leser, einmal zurückschauen in die Geschichte der Zeichnungen, die sich mit der Polizei beschäftigen, um so unseren Spaß zu haben an der bildlichen Auseinandersetzung mit dem polizeilichen Wirken.

Tun wir es aber auch, um im Spiegel der Karikatur zu erkennen, wieweit sich die Polizei von dem Büttel eines Obrigkeitenstaates zu einer der Gesamtheit verpflichteten Institution gewandelt hat. Den schonungslosen und aggressiven Darstellungen polizeilichen Handelns aus dem vorigen Jahrhundert stehen die vielen -manchmal fast mit insgeheimer Sympathie für die Polizei gefertigten -Zeichnungen unserer Tage gegenüber. Die wenigen, häufig sogar ideologisch beeinflußten »boshaften« Karikaturen können diesen Eindruck nicht verwischen, daß eher das »polizeiliche Gegenüber« als der einschreitende Beamte karikiert wird. Eindeutig läßt sich die Geburtsstunde der Polizeikarikatur nicht belegen, aber zwei Darstellungen aus dem Jahre 1830, die uns überliefert sind, lassen den Schluß zu, daß dieses Jahr als Ausgangspunkt der vielen folgenden Karikaturen über die Polizei gelten kann.

Als der Funke der französischen Julirevolution 1830 auch auf Dresden übersprang, rottete sich die dortige Bürgerschaft zusammen und stürmte das Polizeihaus - im Volksmund »Bastille« genannt - als äußeren Ausdruck des verhaßten politischen Systems. Der sächsische König lenkte sofort ein und versprach Reformen. Dieser Erfolg inspirierte einen unbekannten Künstler zu der Zeichnung »Wie die Dresdner Polizei auf dem Leim ging«. Augenscheinlich hatte die Stadtpolizei dem Ansturm der verbitterten Dresdner kaum Widerstand entgegengesetzt, so daß dem glossierenden Zeichner ein kleiner Junge auf seinem Bild genügte, um das Feuer unter einem großen Leimtiegel zu schüren, aus dem die verängstigten Polizeidiener heraus kriechen, um sich in Sicherheit zu bringen.

In dieser Zeit erschienen erstmals auch die gern gelesenen satirischen Blätter. An dem Regime des »Bürgerkönigs« Louis Philipps entzünden sich kritisch- glossierende Zeitschriften wie »La Caricature« und »Chari-vari«. In England wird 1841 »Punch« gegründet und es erlebte »The comic Almanac« eine kurze Blüte. Die Amerikaner konnten erstmals die lustigen Zeichnungen in dem neuen Blatt »Puck« belachen. In dieser bewegten Zeit hat wohl mancher Polizist zu spüren bekommen, wie sich die Volksseele für Willkür und Brutalität rächte. In der Karikaturserie »Neun Momente aus dem Leben eines Berliner Polizei-Com-missarius« wird dies angedeutet. Mit satirischer Schärfe kennzeichnet die Münchener »Leuchtkugel« diese Situation, in dem sie einen Bauern, der von einem Polizeidiener befragt wird, ob er »Landstreicher oder anderes Bettelpack gesehen« habe, antworten läßt: »Nein, Herr, Euer Weib und Kinder ausgenommen, hat seit drei Tagen gar niemand bei mir gebettelt.« Mit solcher Kritik war aber weniger die Gruppe der Konstabler allgemein als vielmehr die Führungsspitze angesprochen, von der man glaubte, daß sie materielle Verfehlungen oder gar Willkürlichkeiten gern übersehe, wenn diese sich nur eifrig genug gegen politische Gegner betätige.

Die große Zeit der Karikatur kam aber erst zwischen den beiden Weltkriegen. Die Namen »Simplicisimus« und »Nebelspalter« haben unbestritten ihren historischen Platz im Bereich der Karikatur. In dieser Zeit war es aber nicht die Polizei, die das Hauptziel der Karikatur war, sondern der immer mehr erstarkende Nationalsozialismus. Hitler und seine Kumpane sorgten ja wirklich für genug Material zum karikieren.

In der Zeit des III. Reiches war es lebensgefährlich irgendwelche Karikaturen der Machthaber zu veröffentlichen, so blieb auch die Polizei ungeschoren.

Die Nachkriegszeit hatte andere Probleme als die Polizei lächerlich zu machen. Erst Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre kam die Polizei wieder ins Schußfeld der karikaturellen Kritik. Häufig wurde die Polizei per Karikatur als willenloses Werkzeug einer faschistoiden, großkapitalistischen Führung dargestellt. Nichts ist schnellebiger als die Karikatur und so folgte der »dummen« Polizei in der Karikatur jene die brave, natürlich schuldlose Bürger mißhandelt. Neben den ätzenden Karikaturen gibt es in den letzten Jahren, vor allem in Polizeizeitungen, die Karikatur des gutmütigen, meist naiven Polizisten der alten Schule. Die Tendenz hier ist nicht die Kritik, sondern die Vermenschlichung des Staatsdieners in Polizeiuniform.

Ob satirisch, kritisch, wohlwollend oder neutral, der Polizist steht im Rampenlicht der Öffentlichkeit und muß sich daher auch gefallen lassen das Ziel von Karikaturen zu werden. Die Polizei wird es überleben.

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