| Gewalt
in der Schule
Aufsatzwettbewerb der IPA Sektion Österreich 1996. CLEMENS HERBERT 11 Jahre |
| Wie man weiß, gibt es brave Kinder und böse Kinder. Das war schon immer so. Doch
heute reden alle von Gewalt in der Schule. Man sieht Beiträge im Fernsehen und liest
darüber in der Zeitung. Wenn ich nun über dieses Problem schreiben möchte, dann brauche
ich mich nur in meiner Klasse umschauen, in einer vierten Klasse Volksschule.
Bei uns gibt es gleich mehrere unartige bis böse Schüler. Der schlimmste von ihnen ist dorfbekannt als Anführer der Rüpel. In der ersten Klasse war er noch auszuhalten. Im zweiten Jahr war er schon unausstehlich. Er tyrannisierte die ganze Klasse. Wenn man an ihm nur vorbeiging, boxte er schon zu. Wenn man sich wehren wollte, dann wurde seine Brutalität nur noch schlimmer. Drohende Worte beachtete er schon gar nicht mehr. Für ihn galt nur mehr noch rohe Gewalt. Am Anfang der dritten Schulstufe gesellten sich zu ihm noch vier andere Schüler. Einer von ihnen war nur hinterfotzig, und traute sich nur mit dem Oberboß der Bande Gewalt anzuwenden. Drei von den Vieren waren stockdumm, nur Maxi hatte alles Einser im Zeugnis. Er wollte sich bei allen Leuten beliebt machen, aber es gelang ihm nur bei ein paar Nichtswissern. Das erste Opfer war Fritz. Als wir einmal etwas aus Kastanien bastelten, holte sich der Oberboß eine Kastanie und warf sie auf Fritzls Stirn. Alle lachten. Dann bedrohte der Oberboß Fritz. Wenn es Fritz dem Lehrer erzählt hätte, dann hätten sie ihn verprügelt bis zum Gehtnichtmehr. Das Allerschlimmste an dieser Bande ist, daß der Oberboß von vorne, Maxi von hinten, Peter von links und Rainer von rechts ihre Opfer bekämpfen. Emmo schaut nur zu und lacht mit. Oft haben die Bandenmitglieder Messer, Feuerzeuge, Stinkbomben und Streichhölzer mit. Es gibt keine Kontrolle der Schultaschen, und die Lehrer kümmern sich nicht darum. Unten im Schulhof läßt die Bande die meiste Brutalität raus. Nach dem Unterricht geht es munter weiter. Doch der schrecklichste Fall ereignete sich erst vor ein paar Tagen in der ersten Klasse. Dort gibt es einen Buben, der alle Rüpel in den Schatten stellt. Er widersprach immer seiner Lehrerin, bis sie es nicht mehr aushielt. Sie wollte mit dem Kind zur Direktorin gehen, um darüber zu reden. Auf dem Weg dorthin stellte ihr der Bub ein Bein, und sie fiel hin. Die Direktorin alarmierte sofort die Rettung, denn die Lehrerin hatte sich schwer verletzt. Die Mutter erfuhr vom Unfall und holte ihr Kind kommentarlos ab. Der Bub wird jetzt von allen in der Klasse nur mehr »Little Rambo« genannt. Er hat auch keine Freunde mehr. Alle denken nun sicherlich: Mit einem, der unserer netten Lehrerin ein Bein stellt, spielen wir nicht mehr. Etwas Sonderbares in unserer Klasse ist, wenn ein Bandenmitglied fehlt, dann ist an diesem Tag wieder der Friede zurückgekehrt. Raufereien gab es schon seit eh und je, früher hielt sich die Gewalt in Grenzen. Heute gibt es schon von Zehnjährigen Bedrohungen. Sie machen Gesichtskontrolle, und wer ihnen nicht paßt, der hat nichts Gutes zu erwarten. Sie sagen, du mußt zu deinen Eltern ... sagen, sonst verprügeln wir dich. Sie bespucken Wehrlose und schlagen ihre Köpfe auf eiserne Gartenzäune, wie sie es vom Wrestling kennen. Manche Schüler besitzen auch schon Waffen. Schaden spielt jetzt keine Rolle mehr, es sind ja alle versichert. Die meisten Leute bzw. im meisten Fall die Kinder, denken sicherlich, der Rechtsanwalt wird schon wissen, was zu tun ist. Früher gab es nach einem Streich einen Satz heiße Ohren (Watschen), und die Sache war erledigt. Ich hörte, daß man in manchen Schulen, wenn man auf das WC muß, 10 Schilling an Erpresser zu bezahlen hat. Ich dachte mir, daß ist so, als ob man Schutzgelder bezahlen müßte. Die Kinder sehen zu viel Fern, oder sitzen stundenlang vor einem Computer. Das heißt, sie haben zu wenig Kontakt mit den Eltern oder mit der Natur. Gewalt wird überall vorgespielt: in Kriminalsendungen, in Gewaltcomedys. Friede und Harmonie zählen zu wenig für den Großteil der Bevölkerung. So verschwimmt die Realität. Schlimm ist es, wenn es mit den Computerspielen schon so weit ist, daß manche Schüler die Figuren nachahmen. Sie probieren die ganzen Schläge bei ihren oft hilflosen Mitschülern aus. Wenn sich dann einer wehren will, dann werden sie am nächsten Tag von ihren größeren Freunden unterstützt. Das kommt mir wie eine Bande vor! Heutzutage kommt es in den Schulen öfter zu Erpressungen, als man denkt. Bei uns in den Schulen gibt es auch schwache Kinder, die Erpressungen zum Opfer fallen. Felix gilt bei seinen Schulkameraden als Feigling. Er ist ein Einzelgänger, und er gehört zu keiner Bande. Andere Mitschüler beschließen, seine Schwäche zu nützen. Er muß jeden Tag Geld abliefern, sonst gibt es Saures. Wenn er nicht bezahlt, dann wird er auf dem Heimweg abgepaßt. Aber Felix hat kein Geld. Er hat große Angst. Wenn du dich in so einer Situation befindest, und dich erpressen mehrere Kinder, dann hast du keine Chance. Es kann nur jeder selbst die Gewalt beurteilen, aber ich finde, wenn einer schon daheim Gewalt live sieht, dann wird er in der Schule auch nicht besser sein. Ich hoffe, die Gewalt findet einmal ein Ende. Wenn sie in 30 oder erst in 100 Jahren aufhört; jeder Tag in Frieden ist ein guter Tag. Deshalb sollte in der Schule wenigstens eine Stunde in der Woche für Friedensunterricht geopfert werden. In Amerika gibt es das. Wenn ich so sehe, wie es in unseren Schulen zugeht, dann sollte es diese Stunde auch in Österreich geben. Gewalt kann man mit Gewalt nicht bekämpfen. Lehrer und Schüler müssen in Gesprächen die Probleme lösen, indem sie nach den Ursachen suchen. Denn die Gewalt ist sicher die primitivste Art der Auseinandersetzung. Wer in kleinen Gruppen nicht in Frieden leben kann, braucht sich nicht zu wundern, wenn es auf der Welt Kriege gibt. |
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