|
TIMOR
LOROSAE |
||
|
Österreicher als Geburtshelfer Xanana Gusmao - international bekannt als der „Timoresi- sehe Mandela", wurde zu einer 20-jährigen Haftstrafe im „Cipinang" Gefängnis von Jakarta verurteilt, nachdem er die bewaffnete Widerstandsbewegung in den Jahren 1980 bis 1992 führte. Im Februar 1999 wurde er in Hausarrest entlassen. „Ich verspreche, als freier Mann, ich werde alles unternehmen um Frieden nach Osttimor zu bringen". Das waren die ersten öffentlichen Worte von Xanana Gusamo, dem historischen Führer der Timoresischen Widerstandsbewegung, nachdem ihm Amnestie vom Indonesischen Präsidenten B.J. Habibie garantiert wurde. Am 30. August 1999 wählten die Bewohner Ost-Timors, mit einer unglaublichen Wahlbeteilung von 98,6% ihre Unabhängigkeit von Indonesien. 78,5% der Wähler stimmten für die Unabhängigkeit und nur 21,5% wählten die Autonomie, die eigentlich von Indonesien vorgeschlagen wurde. Bereits wenige Stunden nach der Bekanntgabe des Wahlergebnisses wurden die ersten Häuser durch pro-indonesischen Milizen (engl.„Militias") in Brand gesetzt. In Dili sowie in den meisten anderen Städten und Dörfern wurden ca. 80% der Häuser zerstört und Tausende von Menschen verletzt, gefoltert und getötet. Am 4. September 1999 wurden die meisten UNAMWT Mitarbeiter, die die Wahl beobachtet hatten, nach Australien evakuiert und kehrten erst Mitte November 1999 wieder nach Ost- Timor zurück. Im Oktober 1999 wurde ich vom Bundesministerium für Inneres informiert, dass für den UN Einsatz in Ost-Timor drei oder vier Kollegen benötigt werden. Nach nur eintägiger Bedenkzeit habe ich mich dann für die Mission, die voraussichtlich 12 Monate dauern sollte, entschieden. In Darwin (Australien) wurden wir im Areal der „Northern Territory University" auf unseren Einsatz vorbereitet. Die sogenannten „Unduction" und „Rotation" Units befanden sich zu dieser Zeit in Darwin und wie die Namen schon sagen, beschäftigt sich die „Induction Unit" mit den neu ankommenden CIV- POLs (Civilian Police) Officers. Neu ankommenden CIVPOLs müssen in dieser Unit eine einwöchige Schulung machen und am Ende eine Englisch- und eine Fahrprüfung bestehen. Die „Rota Unit" ist mit den Rotationen der einzelnen Kontingente beschäftigt. Während der Einschulung in der „Induction Unit" wird man über die Hintergründe der Unruhen, unsere Aufgaben, •sowie über die Gefahren (z.B.: Krankheiten) der Mission in Ost Timor informiert. Im September/Oktober 2000 wurde die „Induction Unit" nach Dili, Ost Timor, verlegt. Ankunft in Ost Timor Am 17. Jänner 2000 flogen wir mit einer „Hercules C-130" in die Hauptstadt von Ost Timor, Dili. Die Flugzeit betrug ca. 40 Minuten und der Komfort in einer Hercules C-130 ist natürlich alles andere als gemütlich. Ohrenstöpsel sind ein wichtiges Utensil um dem Lärm im Innenraum einigermaßen erträglich zu machen. Bereits die Fahrt vom Flughafen zu unserer Unterkunft war ein Erlebnis der Sonderklasse. Sofort fielen uns die Zerstörungen in und um Dili auf. Auf dem Weg zu unserem Haus sahen wir entlang der Hauptstraße die lokalen Tankstellen, die aus mehreren verrosteten Tonnen, Trichter, Kanister und Filter bestanden und natürlich die hölzernen Lebensmittelstände. Die wenigen Lebensmittel die der Bevölkerung zur Verfügung standen, waren sorgfältig am Verkaufspult aufgelegt. Ein Lebensmittelgeschäft der „normalen Art" gab es zu dieser Zeit noch nicht. Während der Fahrt konnten wir das Hotel „Olympia" sehen, das eigentlich ein Schiff war. Dieses schwimmende Hotel beherbergte Angehörige der UN und pro Nacht waren USD 50,- zu bezahlen. Bei einer Sightseeingtour sahen wir die grausamen, gewaltigen Zerstörungen. Häuser waren abgebrannt, ausgebrannte Autowracks lagen in den Einfahrten bzw. vor den Häusern und überall lag Schutt und Abfall. Natürlich überkam uns sofort der Gedanke „Achtung - Seuchen", aber wir wurden von unserem Kollegen beruhigt, Seuchen gab es auf Ost Timor nicht. Krankheiten wie Malaria oder Dengue Fieber sind ein großes Problem und davor waren wir, trotz unserer Impfungen und der Einnahme von Prophylaxe nicht gefeit. Wir bekamen nun erstmals auch Kontakt mit der lokalen Bevölkerung. Ich wurde zur „National Investigation Unit" (deut.: Nationales Kriminalamt) in Dili beordert. Diese Einheit, bestehend aus ca. 20-30 CIVPOLs, ist für ganz Ost Timor zuständig und untersucht vor allem Morde/Massenmorde, die während der Unruhen stattfanden, Vergewaltigungen, organisierte- und Suchtgiftkriminalität sowie die Morde an UN- Angehörigen. Meine erste Arbeit bestand darin, Massenmorde (Massaker) zu erheben, Niederschriften mit Zeugen, Auskunftspersonen, Opfern und Verdächtigen aufzunehmen. Ich erstellte mittels Laptop Analysen und fertigte Lichtbilder der Tatorte und Opfer an. Die Arbeit als „Kriminalbeamter" darf man sich aber nicht wie eine Arbeit in Österreich vorstellen. Gerichte gab es zu dieser Zeit noch nicht und mussten erst eingerichtet werden. Die Richter bzw. Staatsanwälte waren teilweise „blutige" Anfänger, wurden aber von Internationalen Richtern bzw. Staatsanwälten unterstützt bzw. geschult. Das Gericht in Dili hatte die erste Verhandlung Anfang Juni 2000. Bis Ende Juli 2000 gab es nur in Dili ein Gericht, und nach und nach wurden auch die Gerichte in den anderen Regionen, z. B. Baucau, aufgebaut. Für die Organisation und den Aufbau der neuen Gerichte war auch ich als „Deputy Director of the National Investigation Unit" beauftragt und beschäftigt. Für meine ersten 2 Monate war ich alleine für die Regionen Dili und Luquica verantwortlich, bis ich Anfang Mai von einen philippinischen Kollegen Unterstützung bekam. Die zwei größten Massaker in Ost Timor In Liquica (ca. 40 Fahrminuten von Dili entfernt), ein größeres Dorf direkt an einem schönen Sandstrand gelegen, ereignete sich am 6. April 1999 das sogenannte „Liquica Kirchen Massaker" (eng.: „Liquica Church Massacre"). An diesem Tag wurden ca. 300 Menschen durch Mitglieder der indonesischen Polizei und der lokalen „Militias" (deut. „Milizen") getötet. Viele wurden verletzt, verstümmelt und überlebten nur durch Glück. Offiziell wurden 5 Tote angegeben, aber diese Angabe konnte durch die intensiven Nachforschungen, mehrere Hundert Niederschriften wurden aufgenommen, die von Bezinsp Friedrich PRAX, dem stellvertretenden Kontingentskommandanten, begonnen und von mir weitergeführt wurden, widerlegt werden. Einer der Verantwortlichen dieses Massakers, Eurico GUTERRES, konnte in Indonesien festgenommen werden. Für diesen Fall fuhr ich ca. 4 Monate fast täglich nach Liquica, um Zeugen zu finden und Niederschriften aufzunehmen. Ab Abend saß ich zu Hause bei meinem Laptop und gab die Daten in meine eigens für dieses Massaker erstellte Datenbank ein. Die Niederschriften mussten von den Dolmetschern von Englisch in Bahasa (indonesische Sprache) übersetzt werden. Auch dieser Teil nahm sehr viel Zeit in Anspruch. Die Überlebenden, Verletzten bzw. Zeugen lieferten schreckliche Erlebnisse. Nach dem Blutbad flohen die meisten Menschen in die Berge, wo sie sich Wochen, sogar Monate versteckten. Natürlich fehlte ihnen eine ärztliche Versorgung und so sieht man heute viele entstellte Männer, Frauen unser Hubschrauber - ein russisches Modell. und Kinder. Ein Großteil der Opfer wurde von Militias mit LKW s zu einer Bucht gebracht, wo sie anschließend in das Meer geworfen wurden. Wir konnten nur mehr sehr wenige Beweisstücke auffinden, die Gürtelschnallen, Knöpfe, etc. Beweisen konnten wir diesen Akt nur mittels Aussagen von Zeugen. Viele Tote mussten wir exhumieren, um eine Obduktion durchführen zu lassen. Das war natürlich keine angenehme Arbeit, da ich solche Arbeiten zu Hause in Österreich nicht durchführe. Auch bei den Obduktionen war ich einige Male anwesend. Der Geruch in diesem Leichenhaus war erbärmlich. Die Toten wurden zwar in einem Kühlcontainer gelagert, aber deren Kleidung lag in der Hitze des Tages im Freien. Nach der Obduktion wurden die Toten zurück zu deren Familien gebracht und eine Bestattung wurde erneut durchgeführt. Leider, und das konnte ich nie verstehen, wollten die Angehörigen bei der Exhumierung der Leichen immer anwesend sein. So mussten wir die Gräber oft mit unseren Fahrzeugen absperren, um so die Angehörigen und Menschenmassen, die sich immer wieder angehäuft hatten, vom Grab fernhalten zu können. Der Abtransport der Leichen wurde mit unseren eigenen Fahrzeugen durchgeführt. Wir bekamen aber von der australischen Armee Leichensäcke. Die Exhumierungen und die Obduktionen wurden mittels Lichtbildern und teilweise mittels Videokamera festgehalten und dokumentiert. Auch der Ort des Geschehens, die Kirche und das Nebengebäude, wurde mittels Fotografie und Skizzen dokumentiert. In Dili ereignete sich am 17. April 1999 das sogenannte „Carascalao Massaker", wobei ca. 70 Menschen von vermutlichen Mitgliedern der „AITARAK" (Anm.: indonesische Polizeigruppe) getötet wurden. Auch bei diesen Erhebungen wurden viele Niederschriften aufgenommen. Auch hier konnte Eurico GUTERRES als einer der Verantwortlichen eruiert werden. Aufgrund neuer interner UN Strukturen wurden alle Erhebungsergebnisse Mitte August an die „Human Rights" (später „Serious Crime") Erhebungsgruppe übergeben. Alle Vorfälle, die sich vor dem September 1999 ereigneten, wurden in der Folge von dieser Gruppe erhoben bzw. weitergeführt. So hatte mein Büro nun Zeit, um aktuelle Kriminalfälle zu erheben. Dafür musste auch eine neue Struktur meines Büros aufgebaut werden und neue Kollegen wurden benötigt. So hatten wir nun auch ein eigenes Erkennungsdienstliches Büro eingerichtet. Von unserem Büro aus wurden nun alle erkennungsdienstlichen Behandlungen von ganz Ost Timor organisiert und die Kollegen aus den Regionen eingeschult. Mit meiner Unterstützung entwickelte ein thailändischer Kollege eine Anwendungssoftware für den Erkennungsdienst. Meine Arbeit bestand aber auch darin, meine Kollegen in den anderen Regionen zu unterstützen. Um in die teilweise fast unzulänglichen Dörfer zu gelangen, benutzten wir unsere Fahrzeuge der Marke Landrover Discovery, australische Militärflugzeuge der Type „Karabu" oder die UN-Helikopter und einige Male fuhr ich mit australischen „Tanks"- Transportpanzern. Wir übernachteten in Dörfern bzw. in den jeweiligen CIVPOL Hauptquartieren und kehrten nach abgeschlossener Arbeit wieder nach Dili zurück. Es war also ein ewiges Ein- und Auspacken von Kleidung und Ausrüstungsgegenständen. Das wichtigste Utensil war jedoch das Moskitozelt und „last but not least" mehrere Flaschen Wasser. Gekocht wurde meistens auf offenen Feuerstellen oder mit Gasöfen. Deputy Director of the National Investigation Unit Anfang Juni 2000 wurde ich zum "Deputy Director of the National Investigation Unit" (deut.: Stellvertrender Direktor des Nationalen Kriminalamtes) ernannt. Ich entwickelte neue Niederschriftenformulare und eine Kriminaldatenbank, in der Daten von Opfern, Verdächtigen sowie Zeugen gespeichert, analysiert, gesucht und ausgedruckt werden können. Diese Datenbank, in der man auch Informationen von Häftlingen und sogenannten „Militias" samt Foto speichern kann, wurde von mir als nationale Kriminaldatenbank in ganz Ost Timor installiert und von den CIVPOLs dankend angenommen und verwendet. Durch diese Datenbank war es nun möglich, auch nur mit einem Bruchteil einer Information den dazugehörigen Akt und die dazugehörigen Personen schnell und unkompliziert zu finden. Hier muss man bemerken, dass in Ost Timor die Namen oft aus zwei bis drei Vornamen und einem Familiennahmen bestehen und diese meistens nur teilweise richtig angegeben werden, und dass es auch keine Personalausweise gibt, die Personendaten deshalb nur schwer kontrolliert werden können. Auch die Schreibweise der Namen war, je nach Dolmetscher, oft verschieden. Meine Kriminaldatenbank konnte trotz dieser Schwierigkeiten die Informationen finden und so den Grundstein für eine Weiterentwicklung des elektronischen Informationssystems sein. Um eben alle wichtigen Daten einer Person zu bekommen, erstellte ich ein neues Niederschriftenformular. Dadurch war es jeder CIVPOL möglich, von einer Person viele persönliche Daten zu bekommen, um diese auch später einwandfrei identifizieren zu können, auch wenn der Name vielleicht nicht richtig formuliert wurde. Da das alte Niederschriftenformular nur sehr wenige Felder zur Aufnahme von Personaldaten enthielt, wurde von den CIVPOLs auch nicht mehr über eine Person nachgefragt, was die Nacherhebungen und das Finden der Person wesentlich erschwerte. So konnte ich einen Meilenstein im Bezug Sammlung von Personaldaten setzen. Dienstsystem: Wie auch in Bosnien hatten wir das 30/6 Tage Dienstsystem. Das heißt, 30 Tage arbeiten und dann 6 Tage CTO (Urlaub). Am Anfang der Mission hatten wir am 30. Tag und am l. Tag einen halben Reisetag, dieser wurde uns jedoch, trotz heftiger Proteste, gestrichen und so konnten wir erst am l. Urlaubstag die Insel verlassen und mussten am 6. Urlaubstag wieder in Ost Timor sein. Durch meine Arbeit war ich jedoch sehr viel in Ost Timor unterwegs und konnte auch dienstlich nach Australien fliegen, um mit der „Northern Territory Police" Meetings abzuhalten. Hierbei führte ich eine generelle Regelung ein, um Blut-, Sperma und sonstige Tatortspuren nach Darwin zur Analyse zu bringen.
|
This site is copyright by Klaus Herbert and CHIP Design
Alle Rechte vorbehalten. Verfielfältigung nur auf Anfrage erlaubt. Alle Raubkopierer brechen das Copyright!