Tatobjekt Zigarre

Es gibt kriminelle Delikte, die überall auf der Welt begangen werden. Andere Delikte wieder sind auf Länder oder Regionen beschränkt. Kuba, das Land der teuersten und besten Zigarren, hat ein Delikt hervorgebracht, das in dieser Form in keinem anderen Land existiert • Zigarrenfälschung und Zigarrenschmuggel. Über die einzige Form von organisierter Kriminalität in Kuba lesen Sie im nachstehenden Artikel.

Jeder Kubaurlauber kennt sie, die jungen Männer, die in der Nähe von Zigarrenfabriken am Strand oder in der Altstadt von Havanna Touristen ansprechen. "Jineteros" nennen sie die Einheimischen. Bekannte Zigarrenmarken werden von ihnen zu einem Bruchteil des Preises angeboten. Die Angebote klingen tatsächlich verlockend: Zigarren, die im offiziellen Verkauf 100, 200 Dollar oder mehr kosten, werden von ihnen um 20 - 80 US-Dollar angeboten. Eine Mezie wie der Österreicher sagt. Wer sich interessiert zeigt, wird in der Regel in eine Wohnung, einen Hinterhof oder in ein Hinterzimmer eines der vielen Kleinbetriebe geholt. Was vorgezeigt wird, zerstreut beim meist uninformierten Käufer alle Zweifel, das ungeübte Auge erkennt den Unterschied nicht. Tatsächlich renommierte Marken, auf den Schachteln originale Codenummern und Gütesiegel, teure Banderolen um die Zigarren, nichts Bedenkliches. Auf die übliche Frage, wieso denn derartige Prachtstücke um einen Bruchteil des Preises verkauft werden, folgt ebenso üblich die Antwort, dass man eben die Zigarren aus der Fabrik gestohlen hat, oder sie zu Personalpreisen gekauft habe, oder aber, dass eben eine kleinere Fabrik für eine große arbeiten würde und wesentlich billiger produzieren könne. Klingt plausibel, der unbedarfte Tourist kauft und freut sich auf das kommende qualmende Vergnügen. Die Freude hält meist nicht lange, meist nur bis die Schachtel geöffnet wird. Zuerst wird entdeckt, dass nur die oberste Reihe halbwegs gleichartige Deckblätter hat, die untere Reihe ist schon sichtbar nicht sortiert und sieht weniger gut aus. Bei einem Geruchstest kommt zu Tage, dass diese Zigarren, so genannte "Falsificaciones", nach Heu und nicht nach Tabak riechen. Der Schock kommt dann beim Entzünden der dicken Dinger. Wegen der minderwertigen Machart ziehen die Zigarren schlecht, schmecken stumpf und bitter, manchmal sogar muffig. Wer sie wenigstens als Dekoration aufheben will, wird auch enttäuscht, diese Zigarren sind nicht haltbar. Da diese Fabrikate nicht einem Desinfektionsprozess unterworfen wurden, nimmt nach einigen Monaten der Tabakkäfer seine Arbeit auf und zerstört die "echten Havannas". Wer meint besonders billig eingekauft zu haben, den hat man meist überhaupt unter das Deckblatt Bananenblätter oder ähnliches untergejubelt. Egal, verlorenes Geld, so oder so. Der Tourist, der Opfer von Zigarrenfälschern geworden ist, wird kaum glauben, dass er der einzigen Spezies der Organisierten Kriminalität in Kuba auf den Leim gegangen ist. Der Zigarrenverkäufer war nämlich nur das letzte Glied einer Kette von Fälschern.

DIE ORGANISATION

Was ursprünglich als Nebenerwerb Einzelner begann, hat sich Dank des US-Embargos zu einem florierenden illegalen Wirtschaftszweig entwickelt. Die Organisation der Zigarrenfälscher ist recht einfach. Meist arbeiten sie in kleinen autonomen Gruppen, die aber eng mit anderen kooperieren und sich gegenseitig aushelfen. Am Beginn der Produktion der Falsificaciones steht der Tabakbauer, der "Vegueros". Entweder es ist einer jener, der in den berühmten Anbaugebieten von Pinar del Rio oder Vinales sein Anwesen hat und über der Norm produzierten Rohtabak an Aufkäufer des Schwarzmarktes verkauft, oder einer jener Bauern, in den Gebieten, wo minderwertiger Tabak wächst, der nur für den Inlandsmarkt bestimmt ist. Üblicherweise wird der Tabak nach Havanna gebracht, wo er zwischengelagert und verarbeitet wird. Da das Rollen von Zigarren mit der Hand erfolgt und man nur eine Presse als Werkzeug braucht, wird die eigentliche Produktion in Wohnzimmern, Garagen und Hinterzimmern abgewickelt. Meist wird dieser Arbeitsgang in Form eines illegalen Familienbetriebes vorgenommen. Ein weiteres Mitglied der Kette, der "Cajero" fertigt die Zigarrenschachteln und liefert die Bauchbinden der Zigarren. Der "Jineteros" übernimmt die abgepackte Ware und verkauft sie dann, wie bereits erwähnt, an Touristen. Neben diesem Kleinhandel gibt es noch einen Großhandel, der Zigarren dann aus dem Land, vor allem in die USA, schmuggelt. Wie von Fachleuten bestätigt wurde, leben einige Menschen (durchwegs Europäer) von diesem Schmuggel, denn die Gewinnspanne ist enorm. Durch das Embargo der USA ist es auch verboten, offiziell Havannas in die USA einzuführen, für die Amerikaner ist aber eine Zigarre aus Kuba ein Prestigesymbol. Mit steigender Größe und Länge wächst auch das Prestige. Wie so häufig verdienen die Produzenten das Wenigste, die Händler dagegen streifen den Großteil des Gewinns ein. Ein Tabakbauer erhält pro Kilo Tabak ca. 272 US-Dollar, für eine Garbe Deckblätter (ca. 100 Stück) weitere 4 Dollar. Unter besten Bedingungen kommen die Bauern damit auf ein Einkommen von etwa 100 Dollar im Monat. Diese Summe ist für kubanische Verhältnisse ein kleines Vermögen (das Durchschnittseinkommen in Kuba liegt bei 15-18 Dollar im Monat), doch der Bauer muss damit sämtliche Ausgaben des Hofes abdecken. Die Arbeiter, die den Tabak zu Zigarren rollen, erhalten einen monatlichen Lohn von rund 10 Dollar, müssen dafür aber 100 Zigarren pro Tag produzieren. Noch immer ein gutes Einkommen, wenn man bedenkt, dass ein Rentner mit zwei Dollar im Monat auskommen muss. Wie groß die Gewinnspanne des Straßendealers ist, lässt sich schwer nachvollziehen, da sein Gewinn von seinem Können abhängt. Da der Preis ausgehandelt wird, ist sein Gewinn oft beträchtlich. Das wirklich große Geld stecken aber die Schmuggler ein. In den USA, in Deutschland, der Schweiz oder in den Niederlanden wird der vierfache, aber oft sogar der zehnfache Preis erzielt, der in Havanna bezahlt wurde. Da sind die 10 Dollar für den Zollbeamten in Kuba ein Klacks. Die ganz großen Fische übernehmen auf hoher See die Ware von kubanischen "Fischern". 200 Kisten pro Lieferung bei einem Nettogewinn von 150 - 350 Dollar pro Kiste lassen verständlich machen, warum es so viele wagen. Das beste ist, dass die Schmuggler gar nicht so viel liefern können als Nachfrage besteht. Die Käufer nehmen zum Teil sogar in Kauf, dass es gefälschte Ware ist, wenn sie nur aus Kuba stammt - irrational.

DIE REPRESSION

Der kubanische Staat hat natürlich mit dieser Variante des Kapitalismus keine Freude. Die hohen Strafen können aber nicht verhindern, dass Zigarrenfälschen zum Massendelikt geworden ist. Die Not der Menschen ist sicher auch ein Faktor. So kommt es auch, dass die Polizei wegschaut. Obwohl an jeder zweiten Ecke ein Polizist steht, gehen die Straßenverkäufer fast offen ans Werk. Die Antwort eines Polizisten auf die Frage, warum nichts unternommen wird, war einfach: "Man müsste dann wohl einen großen Teil der Einwohner Havannas verhaften". Partagas, die traditionsreiche Zigarrenfabrik Havannas. Die offizielle Linie der Polizei kann den Schwarzmarkt natürlich nicht hinnehmen. Es gibt sogar eine Spezialeinheit (Defense de Tabaco Industria), die eng mit der staatlichen Organisation für den Zigarrenverkauf (Habanos S.A.) zusammenarbeitet. Über besondere Erfolge der Truppe konnte nichts ermittelt werden. Sofern es sich nicht um Großschmuggel handelt, kommen Ausländer die erwischt werden, meist mit einer Abmahnung davon. Manches Mal wird nicht einmal die ganze Schmuggelware beschlagnahmt. Vor den renommierten Zigarrenfabriken, die von unzähligen Touristenbussen besucht werden, patrouillieren häufig Beamte der allgemeinen Polizei (Policia espezialisada), um den Schwarzhandel durch ihre Präsenz zu verhindern. Dem Geschäft scheint diese Maßnahme aber nicht zu schaden, unter Polizeiaufsicht blüht der Handel anscheinend am besten. Wir danken dem "Cigar Cult Journal" für die Hilfe bei der Recherche dieses Artikels. European Cigar Cult Journal - DAS MAGAZIN FÜR SAVOIR VIVRE

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