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Kuba zwischen Verfall und Aufbruch |
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"Sie waren doch in Kuba auf Urlaub, schreiben Sie doch was darüber", lautete die zarte Aufforderung des Chefredakteurs. "Ja, mach ich. Es gibt genug zu schreiben. Christoph Columbus hat die Insel bei seiner ersten Reise im Oktober 1492 entdeckt. Kuba ist der größte Zuckerexporteur, die berühmtesten Zigarren kommen von der größten Antilleninsel und...". "Nein, bitte nicht. Muss jeder Artikel über Kuba von Zucker, Zigarren und Columbus handeln. Schließlich gibt es doch auch anderes auf der Insel - Rum zum Beispiel". "Gut, ich schreib über Rum, aber der wird doch schließlich auch aus Zuckerrohr gemacht, womit man wieder bei Zucker ist". "Aus. Kein Columbus, kein Zucker, keine Zigarren und kein Rum - und wenn Sie das nicht können, schreiben Sie in den nächsten Ausgaben den Veranstaltungskalender. Also entweder, oder". Dieser überzeugenden Argumentation konnte sich der arme Reiseredakteur nicht entziehen. Und so begibt er sich hängenden Hauptes, eine Cohiba-Zigarre (ein Reisesouvenir und auch die Lieblingszigarre Fidel Castros) im Mundwinkel zu seinem Computer und wartet auf die göttliche Eingebung - und die kommt nicht. Im Geist lässt der Redakteur den vergangenen Urlaub Revue passieren. Erinnerungen werden wach. Kristallklares Wasser, 20 Kilometer feinster weißer Strand wie Puderzucker, karibische Sonne, Hautcreme Sunblocker 20 und Cuba libre. Alles inklusive. Ja, Varadeiro, das war ein Hit. Na genaugenommen war es ein Touristenghetto, mehr Gäste als Einheimische. Unterschiede zu Lignano sind aber doch gegeben. Das Meer ist wärmer, sauberer und man trifft weniger Wiener Hausmeister. Nach Lignano fährt man im Sommer, nach Kuba aber zwischen Oktober und April. Oberflächlich gesehen ist auch das Clubleben mit jenem in der Türkei oder Spanien gleich, doch das wahre Kuba findet wo anderes statt. In den wenigen Touristenorten ist, im Gegensatz zum Rest des Landes, Aufbruchsstimmung spürbar. Kein Wunder, der Tourismus ist auch der einzig boomende Wirtschaftszweig in Kuba. Der ehemalige Exportschlager Zucker ist rückläufig, seit es keine Sowjetunion und keine Abnahmegarantie gibt. Also, der letzte Satz muss gestrichen werden, denn über Zucker darf in diesem Artikel ja nichts aufscheinen. Wo waren wir stehen geblieben. Ach ja, beim Clubleben all inklusive. Aus den Lautsprechern dröhnt Salsamusik, die Animateure meinen die Tristesse eines Sonnenstrandes durch krampfhafte Bewegungstherapie aufmöbeln zu müssen. Das Gehopse am Strand heißt dann "Gymnastik on the beach" oder wenn die Beglückten bis zur Hüfte im Wasser stehen "Aquagymnastik". Nein, Varadeiro ist zwar als Touristengrill hervorragend geeignet, nicht aber als Thema eines Artikels. Die Landschaft Kubas, das ist eine Geschichte wert. Für rund 50 US-Dollar (trotz Embargo ist der Dollar die eigentliche Währung Kubas, denn den Peso will keiner, nicht einmal als Trinkgeld) erlebt man in vollklimatisierten Bussen das "wirkliche" Kuba. Armut ist doch so idyllisch, wenn man sie durch getönte Scheiben anschaut. Nicht billig 50 Dollar für einen Tagesausflug, auch für gut verdienende Mitteleuropäer. Für einen Kubaner wäre so ein Ausflug unerschwinglich. Etwa drei Monate müsste ein Kubaner arbeiten, um sich das leisten zu können, was für jeden Touristen eine Selbstverständlichkeit ist. Unerschwinglich wäre auch der Besuch einer der bekannteren Bars in Havanna. Ein Daiquin in der Floridita-Bar, in der sich Ernest Hemingway einst seine Leberzirrhose angetrunken hatte, kostet 5 US-Dollars. Bei 15 - 18 Dollar Monatslohn trinkt der Cubaner wo anders. Aber bleiben wir bei der Landschaft. Sehenswert ist der Osten der Insel, das Zentrum des Tabakanbaues. Pinar del Rio, das Zentrum, glänzt mit der ältesten Zigarrenfabrik Kubas, aber rundherum Armut. Das Tal von Vinales, uralte Kalksteinkegel durchzogen von Grotten und Höhlen. In ihrer Form erinnern sie etwas an den Ayers Rock in Australien, nur der ist völlig kahl und diese hier sind von grünem Dickicht überwuchert. Wer schon hier ist, sollte eine Fahrt mit dem furchtbar stinkendem Boot durch die "Indian Cave" nicht versäumen. Eine gewisse Ähnlichkeit mit der Seegrotte in Hinterbrühl, nur das hier ein unterirdischer Fluss die Arbeit gemacht hat und in der Hinterbrühl Zwangsarbeiter. Trinidad, das koloniale Kleinod Kubas ist laut UNESCO ebenso wie die Altstadt Havannas ein Weltkulturerbe. Auf Grund der Abgeschiedenheit im Westen des Landes sind für seine Besichtigung jedenfalls zwei Tage einzuplanen. Gehen wir in den Süden, der ist näher an den Touristenzentren. Guama heißt hier das touristische Highlight. Das Naturschutzgebiet auf der Halbinsel Zapata mit seinen Mangrovenwäldern, einer Krokodilfarm und einem nachgebauten Indianerdorf im so genannten Schatzsee zeigt ein völlig anderes Kuba. Übrigens im Schatzsee sollen die Indianer vor den plündernden Spaniern ihren Schatz versenkt haben. Vermutlich eine Legende, sowie jene über die Krokodilfarm. Bei der Invasion von Exilkubanern in der nahegelegenen Schweinbucht im Jahre 1961 soll ein Fallschirmjäger mitten im Krokodilbecken gelandet sein. Falls es wahr ist, dann waren dies wohl die einzigen Krokodile, die sich je an der Bekämpfung einer Invasion beteiligt haben. Im Museum der Revolution in Havanna kann man übrigens noch jenen T34-Panzer sehen von dem Fidel Castro aus persönlich die Invasoren bekämpfte. Apropos Havanna. Wer nur nach Varadeiro kommt, ohne einen Ausflug in das 140 km entfernte Havanna zu machen, versäumt das Herz der Insel. Wie muss diese Stadt in den Zeiten von AI Capone und Meyer-Lansky, also in den 30er und 40er Jahren, schön gewesen sein. Havanna war bis 1959, also bis zum Jahr Null nach der Revolution, der Treffpunkt von Film,- Künstler- und Mafiagrößen. Leider ist der Prunk verfallen. Hier hilft nicht mehr Farbe, denn die Fassaden bröckeln, zum Teil sind die Prachtbauten nur mehr Ruinen. Dass einige Paläste renoviert werden, ist nur ein Tröpfen auf dem heißen Stein. Da aus den meisten Palästen Hotels werden, ist zu befürchten, dass aus "Old Havanna" ein karibisches Disneyland wird. Die Einwohner befürchten auch, dass man sie in die hässlichen Plattenbauten am Stadtrand stecken wird. Als lebende Bilder wird man sicherlich einige in Alt-Havanna belassen. Auch die Zigarrendreher der Zigarrenfabrik Partagas, die mitten im Stadtgebiet liegt, wird man aus touristischen Gründen dort belassen. Touristen kaufen eher, wenn ihnen vorher als Animation die Produktion vorgeführt wird. Auch Zigarrendrehen sieht für den Touristen sehr idyllisch aus, für die Arbeiter ist es weniger lustig. Für 10 Dollar Monatslohn müssen sie 100 Stück am Tag drehen, so ist die Norm. Für denselben Betrag kauft sich dann der Tourist zwei dieser Zigarren - womit wir wieder bei den Zigarren sind. Zum Glück sah der Chefredakteur ein, dass es unmöglich ist, einen Artikel über Kuba zu schreiben ohne Zigarren und Rum zu erwähnen. Vielleicht half die Packung Havannas dabei, die der Redakteur auf den Artikel legte. (c) by Richard BENDA 2000 |
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