Im Einsatz für Olympia

Von Oberst Helmut Hrdina, Leiter der Vollzugsverwaltung in der JA Stein und seit 1963 Mitglied der IPA.

" Be a part of Olympic History" – unter dieser Überschrift veröffentlichten wir in der Februarausgabe 1995 des IPA Panorama den Aufruf des Olympischen Komitees in Atlanta an Exekutivbeamte in aller Welt, sich als Security zu melden. 12 Mitglieder forderten im Sekretariat der Sektion Unterlagen an und wir haben ihnen die Ausschreibung zugeschickt. Drei der 12 Interessenten haben dann tatsächlich im Sicherheitsdienst bei den Olympischen Spielen in Atlanta mitgewirkt.

Viel Negatives über die Sicherheitsvorkehrungen hat man den Medien entnommen. Wie weit Zeitungen und Fernsehen die Wahrheit berichteten ist fraglich. Ob es tatsächlich zu chaotischen Zuständen im Sicherheitsbereich kam, das wissen wahrscheinlich nur jene, die selbst in Atlanta waren. Die Eindrücke eines der drei direkt beteiligten österreichischen Securities lesen Sie exklusiv im folgenden Artikel.

Es begann alles vor 1 1/2 Jahren, als in einer Ausgabe des Magazins der International Police Association zu lesen war: "Be a part of Olympic History -Security Team Program". Das Atlanta Committee for the Olympic Garnes - kurz ACOG - suchte in der ganzen Welt Exekutivbeamte, die bereit waren für Kost und Quartier die Centenntial Olympic Garnes zu den sichersten Spielen der olympischen Geschichte zu machen. Ein zweites München sollte verhindert werden.

Da ich meine sportliche Betätigung seit langer Zeit auf Sport im Fernsehen beschränkt habe und ich in meiner Jugend auch nie die olympische Reife erreichte, schrieb ich eine Bewerbung an ACOG in Atlanta. Einmal bei Olympischen Spielen mitzumischen, sollte sicherlich eine Bewerbung wert sein. Einige Monate vergingen und die Bewerbung war bereits wieder in Vergessenheit geraten. Doch siehe da - welch ein Wunder - meine Bewerbung war mit den Worten: "Lieber Helmut, Du bist ausgewählt worden - wir gratulieren" bestätigt worden. Beginn des Einsatzes am 3. Juli - Ende 5. 8. 1996. Am nächsten Tag wird der Flug nach Atlanta gebucht.

Im April 1996 kommt dann ein Videokurs mit einem Lehrbuch, und ich erfahre von der amerikanischen Botschaft auch die Namen der weiteren Österreicher. Werner ein Sprengstoffspezialist aus Wien und Alexander vom Mobilen Einsatzkommando Klagenfurt wurden ebenfalls auserkoren, Österreichs Exekutive bei den Spielen zu repräsentieren.

Endlich ist es soweit. Mit Delta Air Lines, der offiziellen Airline der Olympischen Spiele, geht es am 3. 7. in Richtung Olympia. Nach mehr als 10 Stunden Flugzeit Landung in Atlanta und weiter mit dem Bus zum Welcome-Center, wo die Akkreditierung durchgeführt wird. Die ersten Zweifel an der Organisation kommen auf. Für einige Norweger und mich dauert die Prozedur fast drei Stunden. Immer wieder bricht der Computer zusammen. Das hochtechnisierte Land USA zeigt seine Schwächen. Was wird erst sein, wenn tausende Sportler und Funktionäre innerhalb weniger Stunden in Atlanta eintreffen werden.

Endlich geht es weiter in Richtung Morehouse College. Dieses College, berühmt durch Martin Luther King und dem Olympioniken Edwin Moses, sollte für fast fünf Wochen mein bzw. das Domizil der internationalen Polizeitruppe werden, welche unter dem Namen Security Team Program die Geschichte der 26sten Olympiade mitgestalten sollte. Bezug der Zimmer und Ausfassen der Uniformen. Endlich um 2.00 Uhr Ortszeit - ist 8.00 Uhr MEZ - geht es ab ins Bett.

4. Juli 1996: Die Amerikaner feiern ihren Independence Day mit Paraden und Barbecue. Wir - 1.853 Exekutivbeamte aus 55 Ländern - sitzen in den Lehrsälen und werden auf Metalldetektoren und Röntgengeräte eingeschult. Außerdem Unterricht über besondere Führungs- bzw. spezielle Sicherheitsaufgaben. Gegen 23.00 Uhr Ende des ersten Tages.

5. Juli 1996: Weiter geht es mit Spezialschulungen und Tests. Gegen 16.00 Uhr werden die einzelnen Sektionen des Olympischen Dorfes bzw. die Sportstätten unter uns aufgeteilt. Da ich auf meinem Akkreditierungsbadge ein OL habe, bin ich für das Olympic Village bestimmt. Nach meinem Dienstplan bin ich Commander der Roten Zone und habe sechs Tage Dienst von 7.00 bis 15.00 Uhr. Der 7. Tag dient zur Erholung. Großes Murren unter den Exekutivbeamten aus der ganzen Welt - wir wollen mehr freie Tage. Ablehnung durch das ACOG. Die ersten Gedanken an eine vorzeitige Heimreise kommen auf.

6. Juli 1996: Um 6.00 Uhr fahren jene, die für das Olympische Dorf eingeteilt sind erstmalig, vom Süden Atlantas über Downtown ins Village. Der Tag fängt bereits gut an. Unser Busfahrer fragt uns, ob wir den Weg kennen. Da die gesamte Busbesatzung das erste Mal in Atlanta ist, großes Kopfschütteln. Unser Fahrer ist aus Ohio und hat zur Orientierung lediglich einen Zettel mit den Straßennamen und Ausfahrten von der Stadtautobahn bekommen. Endlich gegen 6.30 Uhr erreichen wir einen Eingang zum Dorf und bekommen erstmalig die Sicherheitsmaßnahmen am eigenen Körper zu spüren. Mit einer kleinen Tram geht es weiter zur Red Zone, die vier Wochen mein Arbeitsplatz sein wird. Vorsichtiges Beschnuppern der Kollegen aus den verschiedenen Ländern. Die Truppe dürfte nicht so schlecht sein. Australier, Holländer, Inder, Kanadier, Norweger sowie einige US-Amerikaner sind mir zugeteilt worden. Außer den "Weltpolizisten" stehen mir noch Nationalgarde, bewaffnete Polizei aus dem Staate Georgia und Hilfspersonal von Securityfirmen zur Verfügung.

Da in unserem Teil des Village noch fleißig gestrichen und alles auf Hochglanz gebracht wird, sind vorerst lediglich Kontrollgänge durch die Unterkünfte durchzuführen. Unser Teil des Dorfes ist von einem Zaun umgeben, der mit Bewegungsmeldern ausgestattet ist. Fernsehkameras überwachen jeden Zentimeter des Zauns und außerdem sitzt bzw. steht alle 80 bis 100 Meter ein Nationalgardesoldat und starrt 8 Stunden gegen den Zaun.

Die Rote Zone ist vom restlichen Dorf durch die 10. Straße getrennt und nur durch eine Brücke vom Village erreichbar. Außerdem kann sie durch einen Eingang von der 10. Straße betreten werden. Dabei sind drei Kontrollen zu passieren: Durchgangsmagnetometer, Handscanner sowie eine Röntgenanlage. Diese Geräte werden vom Hilfspersonal bedient. Die internationalen Polizisten sind als Supervisor eingesetzt und überwachen die ordnungsgemäße Durchführung der Kontrollen und werden im Notfall von der bewaffneten Polizei unterstützt.

Alle Zonen des Olympischen Dorfes werden in einem Dreischichtenturnus überwacht. Frühschicht 7.00 bis 15.00 Uhr, zweite Schicht bis 23.00 Uhr und die sogenannte Friedhofsschicht bis 7.00 Uhr. Um 15.00 Uhr soll die Ablöse der Frühschicht kommen. Aber sie kommt nicht. Diesmal trifft das Lied "Ich steh im Regen und warte auf dich" zu, denn über Atlanta geht ein heftiges Gewitter nieder. Gegen 16.15 Uhr kommen die ersten Ablöser mit der Erklärung, die Fahrer haben sich wieder einmal verfahren, und außerdem sind die Straßen durch das viele Regenwasser fast nicht befahrbar.

7. Juli 1996: Es wird besser. Die Fahrer kennen den Weg. Zum Glück sind sie diesmal aus Atlanta. Die ersten Sportler aus Spanien und Italien treffen ein. Zur Red Zone gehört auch ein sogenannter Salleport, wo der Unterboden der einfahrenden Autos mit Fernsehkameras kontrolliert wird. Die Tür- und Seitenverkleidungen werden entfernt und sogar in die Tanköffnung wird geleuchtet. Egal wie oft ein Auto in die Zone einfährt, es wird jedesmal die gleiche Prozedur durchgeführt. Man will ja nicht unbedingt eine Autobombe im Village haben.

Die weiteren Tage: Langsam füllt sich das Dorf. Wir haben Sportler aus Belarussia, Brasilien, Italien, Kenia, Spanien, Taiwan und Tunesien in der Roten Zone zu Gast. Bis zu 1.300 Personen stehen unter unserem Schutz. Langsam gewöhnen wir uns auch an die durchschnittliche Temperatur von 35 Grad. Wäre nicht so schlimm, wenn die Luftfeuchtigkeit nicht auch noch über 90% ige und wir lange Uniformhosen tragen müßten.

Bei einer der täglich um 9.00 Uhr durchgeführten Generalstabsbesprechungen machen einige Zonencommander den Vorschlag, kurze Hosen einzuführen. Die Kommandozentrale trägt die Bitte an ACOG weiter. Nach Stunden kommt das OK, welches am nächsten Tag wieder rückgängig gemacht wird. Da aber bereits ein Großteil der Hosen auf Shorts gekürzt wurden, muß ACOG den kurzen Hosen zustimmen. Aber nicht nur bei den Hosen werden ständig andere Richtlinien herausgegeben. Einmal dürfen Besucher, die im Besitz einer grünen Eintrittserlaubnis sind, ohne Begleitung das Dorf betreten. Am anderen Tag muß ein Funktionär des jeweiligen Landes den Besucher am Eingang abholen bzw. übernehmen. Generell darf das Dorf nur mit einem Akkreditierungsbadge auf dem das Zeichen OL oder ein Haus mit den fünf Ringen abgedruckt ist, betreten werden. Je mehr Sportler ins Village einziehen, desto ärger wird das Chaos, da bei manchen Badges die falschen Piktogramme aufgedruckt sind. Außerdem funktionieren bei Feuchtigkeit die Handscanner der Firma Sensormatic nicht. Da dieser Mangel Gott sei Dank von der Firma in kürzester Zeit behoben werden kann, kommt es auch zu keinen Staus mehr vor den Eingängen.

19. Juli 1996: Heute ist der Tag X - die Spiele werden eröffnet. Vormittags soll Präsident Clinton das Dorf und die Internationale Zone besuchen. Die Einfahrt erfolgt von der 10. Straße aus. Dies bedeutet, die Straße wird Stunden vorher für den allgemeinen Verkehr, nur mehr Fahrzeuge mit Genehmigung dürfen passieren, gesperrt. 1/4 Stunde vor der Durchfahrt des Konvois müssen auch die Fußgänger stehen bleiben. Die Polizei schreitet sofort ein, wenn sich Personen nicht daran halten.

Zwei Männer gehen trotzdem weiter und werden darauf aufmerksam gemacht, daß das Gehen verboten ist. Auf die Frage "WHY" kommt die Antwort "Because the President is coming". Darauf kommt von einem Passanten die Frage in einem nicht ganz reinen Englisch: "Muß ich mich dann auch niederknien?" Gelächter unter den Anwesenden. Ich habe die beiden Passanten noch nie gesehen, spreche sie jedoch sofort in Deutsch mit den Worten »So eine Frage kann nur ein Österreicher stellen«, an. Volltreffer: Zwei ORF-Reporter haben zur Auflockerung der Situation beigetragen. Der anwesende Polizist ist ganz verwundert, wieso ich gewußt habe, daß es Österreicher sind. Meine Erklärung, daß wir eben den besonderen Überschmäh haben, nimmt er mit einem steifen Lächeln entgegen. Sirenen, Motorradeskorte, schwarze Autos - in einem sollte auch der Präsident mit seiner First Lady sitzen - rasen vorbei und nach kurzer Zeit ist der Spuk beendet und die Passanten dürfen sich wieder bewegen. Am Nachmittag kommt auch noch die Fackelläuferin mit dem Olympischen Feuer bei uns vorbei. Dies sollte für lange Zeit alles sein, was wir hier auf unserer Insel - wir haben unsere Zone "Lonesome Island" getauft - von Olympia mitbekommen. Gegen Ende der Spiele wurde unsere "Insel", da sie ja unter österreichischer Führung stand, in "Happy Island’ umgetauft.

Von der Bombe im Centennial Park bekommen wir fast nichts mit, da die STP-Truppen nur für die Sicherheit im Olympischen Dorf bzw. für die Wettkampfstätten zuständig ist. Da wir von unserem Vorgesetzten ACOG überhaupt keine Angaben über bestimmte Vorfalle bekommen und man uns fast "dumm sterben läßt", sind wir gezwungen, unseren eigenen Nachrichtendienst aufzubauen. Neben der einen Explosion werden noch einige Bomben gleicher Art gefunden. Diese können jedoch Gott sei Dank entschärft werden. Außerdem werden über hundert Mal Sperren einzelner Sportstätten bzw. Straßen verfügt, da verdächtige Pakete gefunden werden.

Da es auf Grund des Klimas für uns fast nicht mehr möglich ist, sechs Tage Dienst zu machen, wird bei ACOG der Vorschlag eingebracht, die Diensteinteilung in die Hände des jeweiligen Zonencommanders zu legen. Er muß mit den ihm zugeteilten Personal auskommen und kann die Einteilung der freien Tage selbst vornehmen. Ab diesem Zeitpunkt steigt die Einsatzfreude meiner Leute und immer weniger Securityofficers treten vorzeitig die Heimreise an. Ab diesem Zeitpunkt wird die Rote Zone wie bereits erwähnt zur "Glücklichen Insel".

Die Tage vergehen wie im Flug. Freundschaften mit Sportlern und Funktionären werden geschlossen. Pins - kleine Metallabzeichen - aus vielen Ländern werden getauscht und zieren anschließend die Kappen und Hemden. Die anfänglichen Schwierigkeiten sind entweder verschwunden oder wir haben uns daran gewöhnt mit ihnen zu leben. ACOG "besticht" uns fast täglich mit kleinen Gaben. Dies senkt natürlich auch die Rate der vorzeitigen Heimkehrer. Die Abkürzung ACOG "Atlanta Committee for the Olympic Garnes" wurde von uns in "Atlanta cannot organize games" umgewandelt.

Haben wir noch in der ersten Woche gesagt, daß wir Narren sind, welche ihren Urlaub für Olympia opfern, die Kosten der Anreise selbst tragen und nur für Kost und Logie den wirklich nicht einfachen Job machen, so hat sich unsere Einstellung mit der Zeit gewandelt. Es ist ein Erlebnis bei Olympischen Spielen mitzumachen. Wenn schon nicht als Sportler, dann in einer Organisation, die von zigtausenden freiwilligen Helfern mit gestaltet wird.

Für uns Österreicher war das Österreichhaus in Buckhead, einem Villenvorort Atlantas, eine große Hilfe, die nicht ganz einfachen Wochen Olympias zu überstehen. Man hat uns dort genauso nett aufgenommen wie die Sportler, Funktionäre und Medienmitarbeiter. Für das Österreichhaus gehörten wir schon ab dem ersten Tag zur Familie. Diese herzliche Aufnahme wurde den anderen Polizeikollegen bei ihren Ländervertretungen nicht zuteil. Besonders haben sie sich dann natürlich gefreut, wenn wir mit einer Ladung Apfelstrudel als Gruß von der Neusiedler Lehranstalt für Wirtschaft und Touristik, die für die Bewirtung im Österreichhaus zuständig war, im Morehouse College eintrafen.

Übrigens: Ich habe auch gemeinsam mit fünf deutschen Polizeikollegen einen einzigen olympischen Bewerb life miterlebt. USA gegen Japan, ein Baseballvorrundenspiel. Wir fünf dürften, da wir von den Regeln keine Ahnung hatten, die einzigen im Fulton-Stadion gewesen sein, für die das Spiel ein spanisches Dorf war. Trotz all der Schwierigkeiten und unangenehmen Vorkommnisse wird Atlanta 1996 für uns alle ein unvergeßliches Erlebnis bleiben. Ein Erlebnis, an das wir noch lange denken werden. Jene, die es bis zum Schluß bei Atlanta 1996 ausgehalten haben, haben eines versprochen: "Sydney 2000, solltest du uns brauchen - wir kommen gerne".

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