15 Jahre Praxis in der Bekämpfung der
Suchtgiftkriminalität, der Besuch von verschiedenen Lehrgängen und Vorträgen und
sozusagen eine Auffrischungsimpfung von KDir. Klaus Mellenthin vom LKA in Stuttgart haben
in mir das Bedürfnis geweckt, einiges zu erklären, wieder ins Gedächtnis zu rufen oder
nur zum Nachdenken anzuregen. Wer sich um das Suchtgiftproblem nicht schert, der sollte
spätestens jetzt aufhören zu lesen.. . Drogen gibt es sozusagen seit Menschengedenken.
Sie gehören zur Gesellschaft wie Religion oder Brauchtum. Dennoch kann man behaupten,
daß der Suchtgiftmißbrauch erst vor 25 Jahren in Österreich zu eskalieren begann. Wie
eine schleichende Pest breitet er sich seither aus. Waren es anfänglich noch Amateure und
Einzelversorger, die oft kaum die Nachfrage decken konnten, so hat sich nun der Markt
gefestigt. Mittlerweile wird sogar der Kleinhandel von Profis organisiert und standig
ausgebaut. Dreistes Verkaufsmarketing ist angesagt. Ameisendealer (1) übernehmen einen Großteil des
Geschäftes. Kriminelle Brückenköpfe sorgen für die Deckung der Nachfrage. Nicht
Polizei, Justiz oder Gesetze sind schuld am Drogenkonsum, sondern das Angebot von
Suchtgift. (1) Ameisendealer
sind Kleinversorger, die aufgrund der Anzahl der beteiligten Personen in der Lage sind,
beträchtliche Mengen in Verkehr zu setzen. Werden sie erwischt, ist der Schaden durch
Sicherstellung für die Organisation gering.
MAN WIRD
BRUTALER
Die Exekutive stellt eine deutliche Zunahme der Bewaffnung fest. Früher
begnügten sich Dealer mit Messern oder Schlagringen. Heute werden Pumpguns, handliche
Maschinenpistolen und Handgranaten zu beliebten Verteidigungs und Druckmitteln.
Folterungen und Hinrichtungen sorgen für die nötige Abschreckung nach außen und
Disziplinierung nach innen. Dolmetscher sind immer schwerer zu finden, weil sie das erste
Ziel von Repressalien sind. Zeugenschutzprogramme, die enorm viel kosten, werden
erforderlich. In vielen Ländern arbeitet die Justiz aktiv daran. In Österreich ist man
noch nicht so weit. Aber ein Zeuge, der nicht geschützt werden kann, wird bald nicht mehr
bereit sein auszusagen.
UNBEKANNTE ENTWICKLUNGEN
Untersuchungen in Baden-Württemberg zeigten, daß
ein Drittel der Suchtgifttoten nicht polizeibekannt waren. Das bedeutet, daß ihre
Karriere so kurz war, daß sie endete, noch bevor der Konsument auffällig werden konnte.
Wenn das Verbot für Haschisch fällt, müssen auch weitere Verbote fallen. Und sieht man
einmal Alkoholmißrauch als Massendelikt - wer käme hier auf die Idee einer gesetzlichen
Lockerung? Haschisch* ist zur Zeit in keinem Land der Erde freigegeben. Die Mafia steht in
den Startlöchern und sieht Bestrebungen in Deutschland, der Schweiz oder auch Österreich
mit Freude entgegen. Als Konsequenz würden die Preise fallen. Die Mengen stiegen und das
Schlimmste: die Profite würden legal. Sie könnten in die Wirtschaft fließen, wodurch so
mancher ehrliche Geschäftsmann den Konkurrenzkampf nicht überleben würde.
* Gemeint sind damit
alle Cannabisprodukte, die den Wirkstoff THC (Tetrahydrocannabinol) enthalten.
SAFER USE
Das Schlagwort der 90er heißt safer use. Spritzenabgabe für
Heroinsüchtige aus Automaten sollen helfen, das AIDS-Risiko zu mindern. Eine gute Idee.
Nur wurde sie nicht zu Ende gedacht. Es geht doch auch um die gesicherte Rückgabe
gebrauchter Spritzen. Gedankenlosigkeit und mangelnde Eigenverantwortung tragen zu keiner
Lösung bei. Neue Drogen - neue Wege der Aufklärung »Lets talk about Ecstasy«
heißt die Devise. Aus den Niederlanden kommende Broschüren werden in Deutschland
verteilt, vor allem bei einschlägigen Veranstaltungen. Techno-Parties sind der große
Renner. Der Konsument von hochgefährlichen MDMA-Produkten und ihren Derivaten soll den
vernünftigen Umgang mit den unscheinbaren Tabletten lernen. So ganz nach dem Motto:
»Wenn mans nicht verhindern kann, gibt man halt eine Gebrauchsanweisung.« Da
scheinen Drogenberatungsstellen zu Drogenbenützungsstellen zu werden.
DIMENSIONEN DES PROBLEMS
Es geht nicht nur um Tote und Fixer, um Probierer und Dauerkonsumenten,
um harte und weiche Drogen, um den Transport durch Süchtige oder professionell
organisiert. Es geht auch um Beschaffungsdelikte, schwerste Verkehrsunfalle, Sexual
delikte ohne Beschaffungshintergrund. Die Tendenz geht zu organisierten
Rauschgift-Verbrechen. Rauschgift stellt in der Summe eine Bedrohung und Gefährdung von
Staatswesen und Verfassung, innerer Sicherheit - und vor allem unserer Jugend dar.
DIE MENGE MACHT'S
Im Vergleich zu Delikten in Verbindung mit
Suchtgift liegen in Deutschland Alkoholdelikte 20 mal höher - vielleicht weil Alkohol
legal ist? Medikamenten-Delikte sind 10 mal häufiger - aber diese Medikamente werden nur
streng kontrolliert abgegeben. Wie würde dann die kontrollierte Abgabe illegaler Drogen
funktionieren? Und welche Auswirkungen hätte sie? Aber machen wir uns eines klar: die
Mehrzahl unserer Jugendlichen nimmt kein Suchtgift und will keines nehmen. Doch das
Einstiegsalter sinkt, und der Griff nach harten Drogen kommt schneller als noch vor ein
paar Jahren.
ANGEBOT UND NACHFRAGE
Der Bereich zwischen Angebot und Nachfrage konnte bisher
nicht gestört werden. Die Nachfrage zieht neue Angebote ins Land. Das liberale Image
Westeuropas ist ein Magnet fürs Angebot. Polizei und Justiz konnten und können das
Problem allein nicht lösen. Sie brauchen Entlastung auf der Nachfrageseite. Triebfeder
und Schmiermittel sind Gewinn und Profit. Hochrechnungen sprechen von 500 - 800 Milliarden
US Dollar Gewinn jährlich und weltweit. Der kleinste Teil dieser Summe läuft wieder ins
Suchtgiftgeschäft. Ein größerer Teil wird in Immobilien investiert. Der größte Teil
aber fließt in die legale Wirtschaft. Hier liegt der Zündfunke des organisierten
Verbrechens. Man kann die legal arbeitende Konkurrenz an die Wand drucken. Gar nicht zu
denken an die Folgen: wirtschaftliche Macht schafft politischen Einfluß. Nur wenn der
Profit eingezogen wird, nimmt man dem organisierten Verbrechen die Macht.
HEROINFREIGABE
Heroin freigegeben. Was wäre, wenn? Natürlich würde der Preis
sinken. Wahrscheinlich käme es zu Gratisabgaben. Aber: alle Suchtgifte müßten
zwangsläufig angeboten werden, sonst weichen die Organisationen aus. Der Staat muß
bereit sein, jedem Bedürftigen zu jeder Tageszeit liefern zu können. Kommt es soweit,
dann gehört jeder Bürger zur Zielgruppe der Empfänger. Ein Schritt in dieser Richtung
kann nicht regional, sondern muß international gegangen werden. Eine Ausgrenzung von
Berufsgruppen führte wiederum zu einem illegalen Markt. Folge- und Begleitkriminalität
werden sich bei einer Freigabe nicht wesentlich ändern. Unfälle, Körperverletzungen,
Sexual- und Tötungsdelikte, aber auch behinderte Neugeborene. Es gibt auch kein
englisches Modell, sondern lediglich einen englischen Arzt, der einen fragwürdigen Weg
der kontrollierten Heroinabgabe praktiziert. Was geschieht, wenn der Versuch scheitert?
Wie steht es um die Haftungsfragen? Was sagt man zu einer zentralen Behinderung des
Ausstiegs? Immerhin: 113 ehemaliger Fixer sind nach 10 Jahren drogenfrei; ein weiteres
Drittel steigt spontan nach Schlüsselerlebnissen aus; ein letztes Drittel allerdings ist
in Haft, vegetiert als Alkoholiker oder Sandler dahin oder ist tot. Abhängige sollen
nicht kriminalisiert werden. Ihnen muß man vernünftig helfen. Eine drogenfreie
Gesellschaft wird es nie geben! Was es geben soll, ist eine Eindämmung.
Liberalisierungsmodelle verschlechtern dramatisch die Lage der Süchtigen, verbessern sie
für die Dealer und schaffen Sorgen bei den Mitbürgern. Eine Lösung zeigt sich eher in
der Prävention als in der Rehabilitation. Wir nehmen den Jugendlichen den Mut »NEIN
DANKE« zu sagen, wenn wir immer behaupten, alle seien schlecht!
RÜCKBLICK - AUSBLICK
Die vorweglaufende Haschischwelle war der Pförtner für weitere
Drogen. Der heutige Haschischraucher wird morgen nicht selten unter den Heroinkonsumenten
zu finden sein. Wenn einmal die Taschengeldebene erreicht wird, dann kann sich jeder
Jugendliche seine Dosis leisten. Sorgen bereitet vor allem die psychische Abhängigkeit.
Körperliche Entgiftung in einer Woche ist kein Problem. Die psychische Abhängigkeit bei
Kokain wird aber mit fünf Jahren, bei Methadon (Ersatzdroge für Heroin) sogar mit bis zu
zehn Jahren angegeben. Methadon die Lösung aller Probleme? Fragen über Fragen. Der
Dealer ist heute im Milieu fix integriert und wird von ihm geschützt. Er ist der
Multiplikator der Sucht. Er gewöhnt seine Kunden an die Abhängigkeit durch anfängliche
kostenlose Abgabe. Abhängigkeit von Suchtgift ist auch Abhängigkeit vom Dealer. Es gibt
auch den süchtigen Dealer. Aber darf die eigene Krankheit des Dealers ein wie immer
geartetes Privileg sein für seine Handlungen?
EINSTIEGS- UND VERSTRICKUNGSGEFAHR
Das Schlüsselalter beim Einstieg in Rauschgiftkarrieren liegt heute
bei 14 bis 16 Jahren - in der Stadt etwas später, auf dem Land früher. Die
Schlüsseldroge war, ist und bleibt Haschisch. Haschisch darf nicht mythologisiert, nicht
dramatisiert aber auch nicht bagatellisiert werden. Wer einmal pro Woche einen Joint
raucht, wird nicht mehr drogenfrei. Bringt man einen Jugendlichen haschischfrei über das
Einstiegsalter, ist es statistisch unwahrscheinlich, daß er in einer Drogenkatastrophe
endet. Je jünger die Menschen sind, umso eher neigen sie dazu Gelegenheits- und
Dauerkonsumenten zu werden. Wenn heute die Jugenddroge Haschisch freigegeben werden
würde? Es wird nicht einen vernünftigen Grund dafür geben aber viele Gründe dagegen.
Haschisch ist heute DIE Rauschgift- und Informationsfalle für Jugendliche. Der erste
Anbieter ist ein Freund oder Verwandter. Ein heimliches Süchtigmachen gibt es nicht.
Genauso wenig, wie ein unbeabsichtigtes Süchtigwerden.
SZENEN UND BEKÄMPFUNGSFRAGEN
Sogenannte Szenen agieren verdeckt als Kliquen. Sie existieren aber auch
offen als Kontakt- und Treffszene. Offene Szenen gibt es nur in Europa. Es handelt sich um
rechtsfreie Räume. Ihre Entstehung sollte mit aller Kraft verhindert werden. Zürich,
Amsterdam oder Barcelona sollten als schlechte Beispiele genügen. Slum-Szenen auf anderen
Kontinenten sind mit ihnen nicht vergleichbar. Übrigens: eine Untersuchung in Deutschland
zeigte, daß trotz bestehender Angebote zur Therapie diese nicht angenommen wird. Trotzdem
muß ein Therapieplatz dann vorhanden sein, wenn er ad hoc gebraucht wird.
BEISPIEL SCHWEIZ
Im Februar 1992 wurde der Platzspitz in Zürich geräumt. Es folgte eine
Verlagerung in Wohnquartiere. Anfang 1993 setzte sich die Szene am Bahnhof Letten fest.
Dort waren etwa 2000 Personen permanent anwesend. Hinzu kamen täglich bis zu 15.000
Besucher. Etwa 20.000 Spritzen wurden täglich ausgegeben. Heroin kostete 50-80 SFr,
Kokain 100-120 SFr pro Gramm. Zu den Kunden gehörten nicht nur Schweizer, sondern auch
Österreicher, Deutsche, Franzosen und Italiener. Die Kriminalität in der Gegend
explodierte. Die Räumung des Letten am 14. Februar 1995 ist noch gut in unserer
Erinnerung. 300 Personen inklusive einem großen Hilfsaufgebot waren eingesetzt. Der
Bereich wurde hermetisch abgeriegelt. Alle Süchtigen und Dealer waren verschwunden. Nach
ein paar Tagen tauchten sie wieder aus der Versenkung auf. Es folgte die Zurückschaffung
von Süchtigen in ihre Heimatkantone. Mittlerweile hat sich der fliegende Straßenhandel
und Kleinhandel entwickelt. Kurzfristig bildeten sich kleinere Szenen mit 10-20 Personen.
Hauptsächlich kam es zu einer Verlagerung in private Häuser. Ein Preisanstieg blieb
nicht aus. So kostet Heroin jetzt bis zu 150 SFr und Kokain bis zu 200 SFr pro Gramm. Die
Polizeigefängnisse sind voll. Deshalb können die Dealer wieder machen, was sie wollen.
Die Straßenkriminalität im Nahbereich ist gesunken, im gesamten Stadtbereich gleich hoch
wie früher. Ebenso die Spritzenabgabe.
TECHNO-SZENE
Erst in jüngster Vergangenheit wurde eine neue Konsumentenschicht
erschlossen. Bislang gehörten jungerwachsene Juppies zu den Ecstasy-Konsumenten. Sie
lehnten Alkohol und andere Suchtgifte strikt ab. Ecstasy in all seinen Formen ist eine
Leistungs- und Fitmacherdroge. Die Zielgruppe hat sich rasch geändert. Heute finden wir
ältere Kinder (Techno-Freaks, Snowboarder, Extremsportler). Es entwickelt sich eine
Vermischung mit anderen Drogen. Ecstasy gilt jetzt schon als Einstiegsdroge für Kokain.
Es ist eine infame Einstiegsdroge in die Suchtgiftszene. Vergessen wir nicht bei aller
publizierten Harmlosigkeit und Verherrlichung: starke Beeinträchtigung der
Fahrtauglichkeit, schwere psychische Schäden, Todesfälle.
VORBEUGUNGS-OFFENSIVE
Seit 20 Jahren muß man was tun. Konkretes fehlt noch. Bekämpfung und
Behandlung sind notwendig; für den Jugendlichen kommt sie zu spät. Wir als Gesellschaft
müssen uns um die Mehrzahl kümmern, damit sie nicht einsteigt. Erzieherische Aufgaben
mit einer Vorlaufzeit von mindestens fünf Jahren sind erforderlich. Aber auch
kurzfristige präventive Feuerwehrmaßnahmen für Jugendliche, die jetzt gefährdet sind.
Und einfach ein Tabu? Nun, wenn wir als Erwachsene nicht mit den Jugendlichen über Drogen
sprechen, dann tut es die Straße. Das Ergebnis wird wohl nicht das von uns gewünschte
sein. Prävention sollte Polizeisache sein. Man informiert nicht so sehr über Drogen,
sondern über Einstiegs- und Verstrickungsgefahren. Nach dem Motto: so harmlos sieht es
aus - das kann daraus werden. Die Zeit der Angstmacherei und Abschreckung mit erhobenem
Zeigefinger ist bei uns vorbei. Nur die Polizei hat den Einblick in alle Sparten und das
rund um die Uhr. Faire Information ist gefragt: ehrlich und kompetent. Es gibt keine
andere Organisation, die auf einen derartigen Erfahrungsschatz zurückgreifen kann, wie
die Exekutive. Drogen sind nicht schlecht, weil sie verboten sind, sondern sie sind
verboten, weil sie schlecht sind.
Wir müssen unseren Jugendlichen Halt geben, das heißt
HALT! sagen.
Auch wenn es unangenehm ist. Nur dann kann man Halt geben. Und den brauchen unsere
Jugendlichen dringender denn je. |